Dienstag, 25. Juli 2017

Rezension: The Scar 1. Die Narbe (China Miéville)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 526 Seiten
ISBN: 978-3-4042-4320-4
8,90 €

Ein kurzer Einblick

Armada ist eine auf dem Ozean schwimmende Stadt. Aus Schiffen gebaut, treibt sie über die Weltmeere. Bürger unzähliger Völker bewohnen die Schiffsrümpfe, betreiben Fabriken, verwalten Büchereien, säen Saatgut in mühsam angelegten Feldern aus. Es ist eine Piratenstadt, regiert von den Liebenden, die eine Legende zum Leben erwecken wollen: den Leviathan.

Bewertung

Der Roman »The Scar« ist im deutschen zweigeteilt unter den Titeln »Die Narbe« und »Der Leviathan« erschienen.

Das Regime New Crobuzons schleift Freunde, Freundesfreunde, Personen, die auch nur im entferntesten in Kontakt zu Isaac Dan der Grimnebulin standen, zum Verhör. Niemand der Verschleppten wurde je wiedergesehen. Bellis Schneewein fürchtet um ihr Leben und verlässt angsterfüllt die geliebte Stadt. Die moloch’sche Megalopolis, der Sündenpfuhl Bas-Lags bleibt im Heimweh zurück, während das Schiff Terpsichoria Kurs auf Nova Esperium nimmt. Keine Sorge, wer »Perdido Street Station« nicht gelesen hat, benötigt kein Hintergrundwissen. Einzig der Reiz dieser hassgeliebten Stadt bleibt verborgen. »The Scar« ist die konsequente Weiterentwicklung eines Meisterwerkes. China Miéville rückt ab von der Stadt als Protagonist hin zum menschlichen Protagonisten. Dabei bleiben die intensiven Beschreibungen mitnichten auf der Strecke, lediglich die Sichtweise auf die Handlung verlagert sich hin zu Bellis Schneewein. Sie ist der Fremdkörper, diejenige, die in Gesellschaftsstrukturen gefangen ist. Nachdem die Terpsichoria gekapert wurde, ist Bellis dazu gezwungen in der Stadt Armada ein neues Heim zu finden. Wie und warum das Schiff aufgebracht wurde, soll im zweiten Teil der Rezension zu »Der Leviathan« beleuchtet werden. In diesem Teil geht es um das Setting und die Charaktere.

Armada ist nicht irgendeine Stadt. Armada ist eine auf den Weltmeeren schwimmende Metropole. Tausende Schiffe wurden miteinander verkettet, mit Brücken verbunden und die Schiffsrümpfe ausgebaut. Wohnviertel, Fabriken, eine riesige Bibliothek, Felder und Gärten machen das Leben erträglich. Neue Rohstoffe werden von den Piraten aufgebracht. Die Schiffsvielfalt ist gigantisch: Koggen dümpeln neben Segelschiffen, Schaufelraddampfer schwimmen neben eisernen Kolossen; verrottende Wracks und luxuriös ausgebaute Schiffe prägen die Viertel. New Crobuzon war in seiner Düsternis und lebendigen Vielfalt beeindruckend – Armada ist es auf ihre Weise. Verwachsen, in Jahrhunderten ausgebaut, bedeckt die Stadt eine Quadratmeile des Ozeans. Mit den Strömungen der Meere treibt sie dahin. Wetter ist vom Standort abhängig, nur die robustesten Pflanzen haben sich durchgesetzt. Vögel nisten in den Rahen. Menschen, Kaktusmenschen, Khepri, Remades und viele Völker mehr leben in den schwankenden Schiffsrümpfen. Jedes Volk ist den anderen gleichgestellt. Die in New Crobuzon verachteten und als Müll abgestempelten thaumaturgisch veränderten Remades nehmen ihre Heimat dankend an. Andere wie Bellis Schneewein müssen ihre Heimstatt erst akzeptieren. Armada ist ein Gefängnis, zwar eines ohne Gitter, aber begrenzt vom endlosen Ozean. Regiert werden die Viertel von Anführern. Die eindrucksvollsten Gestalten sind die Liebenden, deren sadomasochistische Sexualpraktiken jedem Bürger in Narben veranschaulicht werden. Der Brucolac verlangt von seinen Bürgern einen Blutzoll. Als Vampir gejagt und gefürchtet, konnte er sich in Armada zum Herrscher aufschwingen und kann ohne Furcht vor Jägern auf die Straße gehen. Armada ist ein Sammelsurium an Existenzen und Völkern; es ist eine Wunderbüchse, die ihresgleichen sucht. China Miéville erschafft eine Fantasy-Steampunk-Welt, durchwoben von Politik, Intrigen, sozialen Komponenten und wahrem Detailreichtum an unermüdlichen Beschreiben. Niemals überladen, entfaltet sich Armada in der ganzen Pracht tausender Schiffsrümpfe und eines Konglomerats, das den Spagat zwischen Komplexität und Faszination in keinem Bereich verliert. Konflikte und Motive, verweben sich mit politischem Handeln, Geheimnisse werden angedeutet, Legenden entpuppen sich als uralte Experimente.

In dieser Stadt ist Bellis nun frei und zugleich gefangen. Fliehen ist unmöglich, Armada ist ihr neues Zuhause bis zum Lebensende. Dabei wollte sie nur vorübergehend New Crobuzons willkürlicher Staatsgewalt entfliehen. New Crobuzon ist ihre Liebe, ihr Heimweh, das Ziel all ihrer Pläne. Ihre Situation verweigernd, schmiedet sie mit Silas Fennec Fluchtpläne. Nicht nur die Flucht prägt ihr Handeln, sondern auch Fennecs Wissen, das dringend nach New Crobuzon verbracht werden muss. Der Stadt droht eine Invasion eines Ausmaßes, das diese vernichten könnte. Sie muss um jeden Preis gewarnt werden. Überschattet werden die eigenen Pläne durch die Pläne der Liebenden. Immer weiter entfernt sich die Stadt, treibt weg von New Crobuzon, einem Ziel entgehen, das nur Eingeweihte kennen. Armada selbst, Motive, Pläne und Sehnsüchte treiben Bellis an. So vielschichtig wie der Autor die Stadt beschreibt, charakterisiert er die Figuren: Protagonisten, Antagonisten, Nebenfiguren. Immer wieder schält Miéville eine neue Schicht von der verschlossenen Bellis ab, verknüpft Handlungsentscheidungen mit einer persönlichen Note, verleiht einem aufkommenden Konflikt ein Motiv und vermischt Bellis Beweggründe mit denen der anderen Figuren. Geschickt vermeidet der Autor Schwarzweißmalerei und baut ein hochkomplexes Gerüst aus gesellschaftlichem Zwang, politischen Entscheidungen und charakterlichen Motiven auf. Armada kann nicht ohne die Bürger leben, die Handlung nicht ohne die faszinierenden Beschreibungen. Hier greift ein Rädchen in das andere. Ein Meisterwerk.

Fazit

»Die Narbe« ist ein sprachliches und erzählerisches Meisterwerk. Die Fantasie China Miévilles ist beeindruckend, die Kraft Bilder zu erzeugen atemberaubend. Armada erwacht vor den Augen des Lesers zu brodelndem Leben, baut Gesellschaftsstrukturen auf, charakterisiert Spezies und entwickelt ganz nebenbei eine verdammt spannende Geschichte, gebettet in einen Detailreichtum an Beschreibungen, das zum Anfassen animiert.

5 von 5 Punkten

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