Montag, 17. Juli 2017

Rezension: Die große Erzferkelprophezeiung 1. Zwerg und Überzwerg (Christian von Aster)

Egmont LYX
Klappenbroschur, 384 Seiten
ISBN: 978-3-8025-8148-9
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Wenn der Grottenolm die Steine der Prophezeiung abläuft, hat das große Erzferkel wahr gesprochen. Das Ende von allem, jedem und dem Rest ist gekommen. Nichts mehr fürchten die Zwerge, als das endgültige Ende. Den Verlust des Bartes und Nüchternheit, aber ansonsten ... Ein Zwerg ist erst dann tapfer, wenn er sturzbetrunken ist. Währenddessen plant der Neue Stahl den Sturz des Zwerges durch den Überzwerg. Das Zeitalter des Neuen Stahls dämmert heran.

Bewertung

Wenn der Grottenolm die Immerschwarze Splitterspinne, den Goldbezahnten und den Untrunkenen prophezeit, ist das Ende von allem, jedem und dem Rest gekommen. Das ist die Prophezeiung des Erzferkels – die Vernichtung des Zwerges durch den Überzwerg, der das Zeitalter des Neuen Stahls einleitet. Christian von Aster gelingt eine kongeniale Mischung aus Parodie und epischer Fantasy. Mit Witz und Skurrilität erzählt der Autor eine Geschichte, die nur so strotzt vor Anspielungen an Verschwörungs-Thriller und festgefahrenen Fantasy-Traditionen. Nebenbei schlägt er aber auch einen sehr ernsten Ton an, der die Handlung auf glaubwürdige Füße stellt. »Zwerg und Überzwerg« ist zugleich Parodie als auch epischer Fantasyroman.
Die Zwerge sind ein sehr eigenwilliges Volk. Fest mit Traditionen verbandelt, sind sie ebenso Meister der Ausrede. Man kann fast alles rauchen, außer es hat mindestens zwei Beine; die Beine kann man natürlich vorher ausreißen. Wichtiger als die Tabakpfeife ist das Bier. Für fast jeden Anlass gibt es eine Sorte. Die Zwerge sind extrem erfindungsreich, wenn es um die Begründung eines weiteren Kruges geht. Den gibt es nicht, haha. Wer über die Maßen Krüge leert, ist sturzbesoffen, aber verdient besonders viel Respekt. Ein Zwerg in untrunkenem Zustand ist kein Zwerg, sondern läuft Gefahr entzwergt zu werden. Neben Bier und Tabak ist der Bart den Zwergen besonders heilig. Jeder Bart ist einzigartig, so einzigartig, dass in der geheimen Bartbibliothek bestimmt werden kann, welches Barthaar von welchem Zwerg stammt. Im Barte eines Zwerges ruht seine Seele. Kein Wunder, Zwergenkinder kommen mit Vollbart aus den stählernen Eiern geschlüpft.
Liebevoll kreiert Christian von Aster das Zwergenvolk. Tiefgründigkeit ist keine Oberflächlichkeit; die Zwerge leben ohne Kontakt zu anderen Völkern unter der Erde. Das Eherne Imperium sieht seinem Untergang mit viel Bier entgegen. Vielleicht ist der Zwerg gerade betrunken und bekommt nichts mit, wenn das Ende von Allem beginnt. Das Zwergenvolk ist aber auch eine stagnierende Gesellschaft, verhaftet in Traditionen und Technologien. Rauchkäfer saugen den Rauch der Essen auf. Wenn sie sterben werden sie für billige Rüstungen verarbeitet. Drachen heizen die Schmieden an. Selbst in den Pistolen sitzen Käfer, die, sobald sich der Dorn der Waffe in ihre empfindlichen Mägen gräbt, eine Explosion von sich geben und somit die Kugel verschießen. Der neue Stahl verspricht einen Bruch mit den Traditionen und bemächtigt sich dafür der verbotenen Magie und der Angst der Traditionalisten vor uralten Prophezeiungen.
Um die Geschichte voranzubringen, baut Christian von Aster mehrere Handlungsstränge auf. Das erweckt den Eindruck, als ob es die Geschichte eines wahrhaft großartigen Imperiums ist, das von innen heraus zerfressen wird, und nicht die Geschichte eines einzelnen Fantasy-Helden, der vom Bauern zum Herrscher avanciert. Eine dieser Gestalten ist Hdrudgroll Schleuderstein, der überall Verschwörungen sieht. Der Zwerg tickt nicht mehr ganz richtig im Kopf. Seine Macke wird aber zum Running Gag. Frauen stecken dahinter. Sie verstecken sich im Geheimen. Egal, was die Zwerge über die wahre Verschwörung herausfinden, Hdrudgroll plädiert darauf, dass Frauen involviert sind. Tatsächlich wurden alle Zwergenfrauen vor Jahrhunderten von der Splitterspinne gänzlich vernichtet. Eine andere Figur ist der Höchste der Hohepriester. Unentwegt denken sich die Zwerge neue lobpreisende Namen für ihn aus, die sich sein Gedächtnis (ein ihm hinterhertrottelnder Zwerg) merken muss. Verstirbt ein Hohepriester, gehen die Namen auf den Nachfolger über. Er ist der Rechtmäßige unter den Anmaßenden, der Schreitende unter den Zaudernden, der Verkünder alles zu Verkündenden, der Geknebelte unter den Vermummten, der Vermutende unter den Nichteinmaletwasahnenden, der Begreifende unter den längst Eingeweihten ... So könnte es endlos weitergehen.

Fazit

Christian von Aster parodiert zugleich wie er eigenständige Ideen entwickelt. Mit Wortwitz und Kreativität haucht er den Zwergen leben ein. Niemals rutscht er ins Lächerliche ab, behält stets die Handlungsgeschwindigkeit im Auge. Langeweile kommt nicht auf, stattdessen verleiht der ernste Unterton eine zusätzliche Spannungsnote. Wer eine Parodie erwartet (wie vom Cover versprochen), wird enttäuscht. »Zwerg und Überzwerg« bietet mehr als seichte und lustige Unterhaltung.

4,5 von 5 Punkten

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