Mittwoch, 12. Juli 2017

Rezension: Die Geisha (Arthur Golden)

btb Verlag
Taschenbuch, 575 Seiten
ISBN: 978-3-442-73522-8
10,00 €

Ein kurzer Einblick

In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, werden die 9-jährige Chiyo und ihre Schwester zu Beginn der 30er Jahre in das Vergnügungsviertel Gion der alten Kaiserstadt Kyoto verkauft. Während sich die Spur ihrer Schwester zunächst verliert, kommt Chiyo in eine Okiya, wo sie zur Geisha ausgebildet werden soll. Doch nach einem äußerst misslungenen Fluchtversuch wird sie zur Dienerin degradiert und scheint zunächst alle Hoffnungen auf ein besseres Leben zu verlieren. Bis sie eines Tages einen Mann trifft, der ihr wieder Mut macht und sie es doch noch schafft, zur Geisha namens Sayuri zu werden…

Bewertung

„Die Geisha“ zu lesen ist wie in einem ruhigen Fluss zu schwimmen oder dem säuselnden Wind zu lauschen. Mir kam es so vor, als hätte es überhaupt keine Ecken und Kanten und egal wie oft man das Buch weglegen musste, ich bin immer wieder ohne Probleme in die Handlung hinein gekommen. Da es um eine fremde Kultur mit für uns ungewöhnlichen Namen geht, will das schon was heißen. Von der wunderschönen, eleganten und blumigen Sprache einmal abgesehen, welche bei mir stets ein großartiges Kopfkino auslöste, ist es äußerst faszinierend, in die Geisha-Kultur einzutauchen. Man könnte meinen, dass es irgendwann ermüdend ist, von den detaillierten Tages- und Arbeitsabläufen dieser Frauen und jungen Mädchen zu lesen, doch das ist nicht der Fall. Das lag zum einen an den unglaublich ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Personen und deren Handlungen, so dass ich mich nicht nur in sie hineinversetzen konnte, sondern teilweise sogar das Gefühl hatte, neben ihnen durch die Handlung zu laufen. Es war aber die Protagonistin selbst, die dafür sorgte, dass das Lesen nicht langweilig wurde. Die Entwicklung vom kleinen traurigen Mädchen Chiyo zur eleganten und für ihr Ziel kämpfenden Geisha Sayuri war äußerst ergreifend.
Besonders angetan war ich auch von der Umsetzung der Geschichte, denn sie ist im Ich-Erzählerstil aus der Sicht von Sayuri wie eine Biographie gehalten. So bekommt man hautnah mit, wie es für ein kleines Mädchen ist, aus ihrer familiären Umgebung gerissen und in die Okiya verkauft zu werden. All die dramatischen Streitereien mit Hatsumomo, wie Sayuri ihre Jungfräulichkeit versteigert, um ihre Schulden bei der Okiya zurückzuzahlen und sich später einem Mann vollkommen hingeben muss, als dieser ihr danna, ihr Sponsor wird, erlebt man dadurch hautnah mit und bekommt stets tiefe Einblicke in ihre Seele. 
Toll umgesetzt finde ich auch die Liebesgeschichte zwischen Sayuri und dem Direktor, dem Mann, den sie als junge Frau getroffen und ihr durch seine Hilfsbereitschaft und Güte geholfen hat, doch noch eine Geisha zu werden. Diese Liebe zwischen den beiden ist von großen Opfern getragen, dabei aber herrlich unaufdringlich und gleichzeitig der Motor, der die Protagonistin zu vielen Handlungen antreibt.

Fazit

Auch wenn die Figur der Sayuri und ihre Geschichte, wie in der Danksagung des Autors erwähnt, frei erfunden sind, so basiert doch der beschriebene Alltag einer Geisha auf Fakten und ausgiebigen Recherchen. Mit seiner flüssigen Schreibweise hat Golden Wahrheit und Fiktion einer für uns fremden und exotischen Welt wunderbar vermischt, einer Welt, die von außen betrachtet wunderschön wirkt, aber für die Mädchen und Frauen ein überaus hartes Leben bedeuten. „Die Geisha“ zeigt diese Gegensätze schonungslos auf, aber auf eine Art und Weise, die einen jeden Satz verschlingen lässt.

5 von 5 Punkten

1 Kommentar:

  1. Ich habe das Buch Anfang der 00er mit ca. 13 Jahren gelesen und es gehört bis heute zu meinen Lieblingsbüchern. Ich freue mich immer wieder, wenn andere (noch heute) das Buch lesen und positiv bewerten. Ich wünsche mir vergleichbare Geschichten, die über mehrere Jahre angelegt sind und in fremde Welten/Zeiten eintauchen lassen. Keines ist aber vergleichbar mit der "Geisha". Eben die gut beschriebenen Handlungen und Charaktere machen den Roman so schön und dann wird er nicht einmal kitschig. Ich muss das Buch wohl mal wieder lesen.

    Liebe Grüße,

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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