Montag, 10. Juli 2017

Rezension: Angelus (Danielle Trussoni)

Droemer Knaur
Hardcover, 645 Seiten
ISBN: 978-3-4261-9878-0
19,95 €

Ein kurzer Einblick


Im Auftrag von Percival Grigori erbittet der Kunsthistoriker Verlaine Zugang zur Bibliothek des Klosters der Heiligen Rosa. Schwester Evangeline lehnt die Anfrage zwar ab, forscht aber selbst weiter. Sie stößt auf eine Korrespondenz zwischen der früheren Äbtissin und Abigail Rockefeller und gerät in einen Krieg zwischen Angelologen und Nephilim, der seit Jahrtausenden tobt. Die Nachkommen der Engel wollen nichts weiter als die Weltherrschaft. Die Angelologen, die Forscher der Engelslehre, arbeiten dagegen an.

Bewertung

Urban Fantasy – sie leben unter uns. Elfen, Zwerge, Vampire ... Danielle Trussoni erschafft das Volk der Engel. Ungesehen leben die Nephilim unter uns. Der Autorin gelingt mit einem verdammt spannenden Kniff, den Roman einen wissenschaftlichen Nährboden zu verleihen. »Angelus« ist keine Schmonzette, in der junge Frauen sich den hübschen Wesen einer verborgenen Welt schmachtend an die Brust werden. »Angelus« entfacht keinen Krieg zwischen Gut und Böse, in denen ein Mensch als Schlüsselfigur hineingezogen wird. »Angelus« kreiert eine Erde, auf der Mensch und Engel, seit Uhrzeiten gemeinsam leben. Es ist keine von Magie versteckte Welt, die Nephilim behalten ihr Geheimnis für sich. Sie haben die Naturwissenschaft als neue Religion erfunden, sie haben den technischen Fortschritt des Menschen ermöglicht. Sie haben Hochburgen der Kultur und des Wissens erschaffen. All das ist geschehen, um den Menschen von der Religion und den Glauben an Engel abzubringen. Der Mythos Engel, der heutzutage in Bibeln und Sagen vermittelt wird, ist eine Gestalt, die es in der Form niemals gab. Das Bild ist verfälscht, von der Kirche und den Nephilim zurechtgerückt, um unbequeme Wahrheiten zu verstecken.
Die Angelologen haben sich der Wissenschaft um die Engel und den Kampf gegen die Nephilim verschrieben. Sie erforschen die Ursprünge der Nephilim, rekonstruieren Familienstammbäume, fechten einen Krieg gegen die unsichtbaren Herren der Menschen aus. Die Mächtigen dieser Welt, stammen von Engeln ab. Den Ursprung nahm das Verderben, als die Engel Gottes abtrünnig wurden, Mischwesen mit den Menschen zeugten und so die Nephilim erschufen. Als Strafe wurden die Engel in steinerne Kerker tief unter der Erde verbannt, wo sie seit Jahrtausenden um Gnade flehen. Erzengel Michael hatte Mitleid mit ihnen und schickte ihnen eine göttliche Leier. Die Musik des Instrumentes ist u. a. in der Lage Krankheiten zu leiden. Angelologen und Nephilim sind hinter der Leier her. Die einen, um es als Waffe zu gebrauchen oder für immer zu verstecken, die anderen, um ein Leiden unter den europäischen Nephilim zu kurieren.

Die Leier ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans. Im ersten Teil des Romans lernt der Leser die Figuren kennen, die Autorin streut Brotkrumen, um Interesse zu wecken. Die Nonne Evangeline lebt im Kloster der Heiligen Rosa. Als der Kunsthistoriker Verlaine an sie herantritt, tritt dieser eine Lawine an Ereignissen los. Sein Auftraggeber ist Percival Grigori, eine der mächtigsten Familien der Nephilim. Verlaine soll Zusammenhänge zwischen Abigail Rockefeller und dem Kloster der Heiligen Rosa herausfinden. Der zweite Teil ist ein Rückblick in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, der in großen Teilen aus wissenschaftlichen Gesprächen und Tagebucheinträgen besteht. Das liest sich trocken, aber extrem spannend. Über den Mythos Nephilim, den Danielle Trussoni erschafft, möchte man alles bis ins kleinste Detail erfahren. Abschluss ist eine Expedition in den Höllenschlund, um die Leier zu bergen. Der dritte Teil kehrt in die Gegenwart zurück, arbeitet auf das Finale zu und fügt Fragmente eines größeren Puzzles zusammen.

Der theoretische Teil liest sich langatmig, aber höchst interessant. Die Erklärungen über den Ursprung der Nephilim, ihren jetzigen gesellschaftlichen Status in der Welt unter den Menschen, ihre Physis heben den Roman auf ein pseudowissenschaftliches Niveau. Die Charaktere entsprechen Stereotypen oder sind einfach nur langweilig. Nonnen beten den ganzen Tag und sind weltabgewandt. Nephilim schmieden Machtpläne und stellen ihre Flügel vor Artgenossen zur Schau. Verlaine ist der etwas exzentrische Typ, der zwischen die Fronten gerät. Das liest sich grundsolide, entbehrt aber der Komplexität. Die Autorin erschafft in ungeheuer vielen Details eine Geschichte der Engel und Nephilim, scheitert aber an der Tiefgründigkeit der Handlung. Da ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, wenn Handlungsfäden wenig überraschend zusammenlaufen und die Figuren dümmlich agieren (der Leser hat die Lösung vermutlich schon längst erraten).

Fazit

Die wirklich große Stärke des Romans, ist der trockene wissenschaftlich und historische Ansatz, der eine Wahrheit über die Bibel und die Kirche stellt. Der Krieg zwischen Angelologen und Nephilim ist glaubwürdig geschildert. Leider krankt der Roman viel zu sehr an simplen Figuren und vorhersehbaren Handlungsauflösungen. Indem Danielle Trussoni alle Kraft in den Mythos Engel gesteckt hat, ist die große Stärke, zugleich die größte Schwäche.

3 von 5 Punkten

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