Montag, 12. Juni 2017

Rezension: Perdido Street Station 2. Der Weber (China Miéville)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 560 Seiten
ISBN: 978-3404242986
8,90 €

Ein kurzer Einblick

New Crobuzon ist eine moloch’sche Megalopolis für Menschen, Remades, Kaktusmenschen, Khepri ... Für Jahrhunderte sorgte eine brutale Miliz für Frieden. Bis der Garuda-Krieger Yagharack  mit einem ungewöhnlichen Auftrag an den Wissenschaftler Isaac Dan der Grimnebulin herantritt und eine Katastrophe auslöst. Ein Gierfalter entkommt und beginnt die kranken Fantasien der Stadt auszusagen.

Bewertung

Der Roman »Perdido Street Station« ist im deutschen zweigeteilt unter den Titeln »Die Falter« und der »Der Weber« erschienen. 2014 ist eine Neuauflage in einem Band veröffentlicht worden (ISBN: 978-3-453-31539-6).

New Crobuzon ist ein Moloch, autoritäres Geschwür und Stadtstaat, überwältigend in der bildhaften Beschreibung und erdrückend von Gerüchen und des Leids. Die Stadt ist ein Sündenpfuhl aus Kriminalität, Bestechung und staatlicher Kontrolle. Thaumaturgie wird vom Mystizismus zur Wissenschaft erhoben. Dampfmaschinen in riesigen Fabriken stoßen schwarzen Qualm aus. Remades bevölkern als Droschken, extravagante Huren und Ausgestoßene die Straßen. Doch um die Stadtbeschreibung ging es bereits im ersten Teil der Rezension zur »Perdido Street Station«. In diesem Teil soll es um die Charakterisierung der Lebens- und Gesellschaftsformen, der Charaktere gehen.

So erdrückend die Stadtbeschreibungen skizziert und detailliert beschrieben werden, trifft dies auch auf die Protagonisten und Randerscheinungen zu. »Der Weber« ist deutlicher flotter erzählt als »Die Falter«, verfällt aber keinesfalls in oberflächliches Geschwafel. Vielmehr erweckt China Miéville immer neue Facetten von Isaac Dan dar Grimnebulin, Yagharek und vielen weiteren Figuren zum Leben. Die große Faszination geht bei der Charakteranalyse dabei weniger von der direkten Beschreibung aus, sondern durch die Handlung der Charaktere. Ein Garuda, der glückselig seine Federn im Wind flattern lässt, sich nach der Freiheit des Himmels zurücksehnt, ist plastischer als die Worte: Der Garuda vermisste es den Himmel mit seinen Flügen zu bereisen. Isaac mit seiner fetten Wampe keucht und stolpert durch die Gassen, den Feind im Nacken, ist bildhafter als die Worte: Isaac ist ein fetter Mann. Isaac Dan dar Grimnebulin ist ein exzentrischer Wissenschaftler und führt mit der Khepri-Künstlerin Lin eine Beziehung. Khepri sind insektoides Schwarmvolk und erschaffen mit ihren Drüsen vom Kopfkäfer Kunstwerke aus Spei. Es gibt nur wenige unter ihnen, die als Einzelgänger leben.
Ganz anders Isaacs Freund Yagharek, ein Garuda, der vom Jägervolk aus dem Cymek stammt. Auch das Volk der Garuda lebt eigentlich in Gruppen, doch – wie Lin – wurde Yagharek ausgestoßen. Kein Eigentum und Freiheit sind das höchste Gut, die Einschränkung eines der Prinzipien gilt als Verbrechen. Für Außenstehende ist die Gesetzesmoral nur schwer zu verstehen.
Auf ihrem Weg, die Gierfalter zu vernichten, begegnen sie vielen Gefahren und Feinden. Manche drohen ihnen direkt, andere werden indirekt zum Risiko. Aus Spoilergründen sei auf die genaue Erläuterung der Positionierung dieser Gruppierungen und Völker verzichtet, aber auf eine allgemeine Beschreibung eingegangen.
Die Kaktusleute sind unangenehme Zeitgenossen. Überwiegend leben sie im Glashaus, geduldet, aber nicht geschätzt. Nach ihrem eigenen Gesetz leben sie in Stämmen und bleiben unter sich. Einige dienen als Soldaten, sie sind tapfere Krieger und nur schwer aufgrund ihrer pflanzlichen Struktur tödlich zu verletzen. Die Vodyanoi sind ein amphibisches Volk, das Wasser-Thaumaturgie beherrscht und Flüssigkeiten über eine begrenzte Zeit verfestigen kann. Das Konstrukt Konzil ist eine auf dem Schrottplatz entstandene KI, die danach strebt, mit Konstrukten, Robotern und fanatischen Anhängern den unersättlichen Datenbestand zu mästen. Eher aus Zufall ins künstliche Leben gerufen, agiert sie wie ein vernunftbegabtes Wesen auf Basis von Schaltkreisen und analytischen Berechnungen. Der Weber ist ein Wesen, das wie die Falter in mehreren Dimensionen lebt und am Netz webt, das alle Welten, Galaxien und Dimensionen zusammenhält. Sein Verstand ist jenseits der menschlichen Vorstellungskraft, seine Worte abstrakt, sein Tun kaum erfassbar. Harmonie und Ästhetik, Poesie und Sätze ohne Punkt und Komma; das ist der Weber.

Isaac Dan dar Grimnebulins Ziel ist die Vernichtung der Falter und die Meisterung einer nicht anerkannten Wissenschaft. Die Falter scheiden düstere Träume als Dünger am Nachthimmel aus. New Crobuzon liegt in einem Netz aus Albträumen gefangen unter den düsteren Schwingen der Gierfalter. Sie laben sich an den kranken Fantasien der Opfer, saufen die Fantasien wie süßen Nektar; die Beute bleibt als seelenloser Sack zurück, noch atmend, aber ohne Verstand. Isaac und seine Freunde sind die Einzigen, die einen durchführbaren Plan haben, die Falter zu vernichten. Sie gehören zum Bodensatz der Bevölkerung, von der Regierung gejagt – zugleich sind sie die Rettung New Crobuzons. Es ist kein leichter Weg, es ist ein Pfad, der ihnen viel aufbürdet, aber sie auch anderen aufbürden lässt. Es ist der Weg, ein düsteres Abenteuer zu bestreiten, aber wiederum auch nur eine herausgerissene Seite aus der Stadtgeschichte New Crobuzons, ihren Lebensformen, ihren Sünden, dem Gestank der Kanalisation und den Slums. Über allem ragt die Perdido Street Station auf, das Wahrzeichen der Stadt.

Fazit

»Der Weber« ist sowohl sprachlich als auch erzählerisch ein Meisterwerk, das sich gekonnt der Fantasy und der Science-Fiction entzieht. China Miéville erschafft charakterliche Persönlichkeiten diesseits und jenseits unseres Verständnisses, die zum Greifen nah erscheinen und doch befremdlich zugleich sind. Es ist die Raffinesse der Charakterisierung, die die Figuren und ihre Lebensstile prägen, die den Roman weit über das Niveau seiner Brüder im Geiste erhebt.

5 von 5 Punkten

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