Mittwoch, 21. Juni 2017

Rezension: Mehr Leben als eins. Hans Fallada-Biographie (Jenny Williams)

Aufbau Verlag
Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-7466-7089-8
12,99 €

Ein kurzer Einblick

Nachdem Hans Falladas letzter Roman „Jeder stirbt für sich allein“ vor ein paar Jahren Jahrzehnte nach seinem Erscheinen zum Weltbestseller wurde, überarbeitete die irische Wissenschaftlerin Jenny Williams ihre 1998 erschienene Biographie über den Autor, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß, noch einmal. Sie wirft einen erneuten Blick auf das Leben und Werk des deutschen Schriftstellers, der mehr Leben als eins gelebt zu haben schien: als guter Schüler, Depressiver, Trinker, Morphinist, Gefängnisinsasse, liebevoller Familienvater und großer Schriftsteller.

Bewertung

Williams hat ihr Werk im Grunde genommen chronologisch aufgebaut. In der Einleitung stellt sie zunächst die Rezeption Falladas Werke in der Nachkriegszeit in der BRD und der DDR dar, um sich dann dem Leben Ditzens von seiner Geburt an zu widmen. Seine Lebensgeschichte ist in acht Kapitel unterteilt, die immer mehrere Jahre von seiner Geburt im Jahre 1893 bis hin zu seinem Tod im Jahre 1947 behandeln. Sie stellt sein gutbürgerliches Elternhaus und prägende traumatische Erlebnisse während seiner Jugend vor, die zu seinen frühen Aufenthalten in Sanatorien und zu Alkohol- und Morphinsucht führen, die er zeit seines Lebens bekämpfen muss. Seine verschiedenen Berufe im Landwirtschaftssektor, seine Versuche, als Übersetzer und Schriftsteller tätig zu sein, die Unsicherheit während der Weimarer Republik, seine erste Ehe und die Geburten seiner Kinder, sein Durchbruch als Schriftsteller mit „Kleiner Mann – was nun?“ im Jahre 1932, sein Hof in Carwitz, weitere Werke und die Frage, ob die Familie dem Dritten Reich den Rücken kehren sollte, die Anpassungen an die Zensur in Nazi-Deutschland werden ebenso dargestellt, wie auch das Scheitern seiner Ehe, das Kennen lernen seiner zweiten Frau, der Rückfall in Alkohol und Morphium und seine Tätigkeiten kurz nach dem Krieg bis hin zu seinem letzten Werk „Jeder stirbt für sich allein“, das er kurz vor seinem Tod beendet.
Williams bettet dabei Falladas Leben immer auch in seinen historischen Kontext ein. Das Buch geht immer auch auf die Zeitumstände ein, wenn auch meist nur sehr oberflächlich. Vorwissen zur späten Kaiserzeit, Weimarer Republik und zum Nationalsozialismus schaden demnach auf jeden Fall nicht. Außerdem wird jedes Werk von Fallada besprochen und auch in seinen Entstehungskontext eingeordnet. Gegen Ende waren die Hinweise zu seinen Büchern in meinen Augen zwar zu knapp, gute Einblicke bekommt man aber dennoch geboten. Gut gelingt der Autorin aber immer die Herausstellung, wie viel an Falladas grundsätzlich immer autobiographisch geprägten Werken eben doch noch hinzugedichtet wurde, und kritisiert damit indirekt andere Biographen, die Rückschlüsse auf Falladas Leben aus seinen Werken zogen. Für mich persönlich waren zudem die Einblicke über das Verlagswesen im Nationalsozialismus sehr informativ, die eindrucksvoll zeigten, was man alles auf sich nehmen musste, wenn man im Dritten Reich noch Bücher herausbringen wollte.
Auch überzeugt die Autorin durchweg mit der ausführlichen Recherche, die sie vor dem Abfassen des Werkes auf sich genommen hat. Sie geht auf Interviews mit Angehörigen Falladas ein, scheint unzählige Quellen wie etwa Briefe von und an Hans Fallada gesichtet zu haben und sich ausführlich mit der übrigen Literatur zu seiner Person beschäftigt zu haben, was auch die Literaturliste und die Belege im Anhang und die vielen genutzten Quellen im Fließtext verdeutlichen. So entsteht ein sehr abgewogenes Bild des deutschen Autors, dessen Stärken und Schwächen schonungslos dargestellt werden. Man mag mit vielem, was dieser in seinem Leben getan hat, nicht einverstanden sein, doch Williams bemüht sich zumindest, seine Beweggründe herauszuarbeiten, ohne dabei seine Taten zu entschuldigen. Dabei nutzt sie keine wissenschaftliche Sprache, sondern schreibt allgemein verständlich. Der einzige Minuspunkt ist für mich der unstrukturierte Aufbau der Kapitel, die nicht in Unterkapitel unterteilt wurden und schlichtweg Falladas Erlebnisse in all den Jahren mit Buchbesprechungen, Darstellungen des historischen Kontextes usw. in einem Fließtext behandeln, ohne die einzelnen Themen voneinander abzugrenzen.

Fazit

Jenny Williams ist eine überzeugende und abgewogene Biographie dieses kontroversen Schriftstellers gelungen, die ich jedem Interessierten empfehlen kann. Man kann sich danach besser in die Person Rudolf Ditzen hineinversetzen, hat mehr Hintergrundinformationen rund um seine Werke und bekommt einen Eindruck davon, wie es als Schriftsteller im nationalsozialistischen Deutschland gewesen sein muss.

4 von 5 Punkten

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