Dienstag, 13. Juni 2017

Filmkritik: In Zeiten des abnehmenden Lichts


Wie euch Susanne bereits informiert hatte, kam am 01. Juni die Verfilmung von Eugen Ruges Bestseller „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ in die Kinos, die unter der Regie von Matti Geschonneck entstanden ist. Sie erzählt im Wesentlichen von den Ereignissen rund um den 90. Geburtstag von Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) in Ost-Berlin im Oktober 1989, der als verdientes Mitglied der SED zahlreiche Ehren erhält. Seine Frau Charlotte (Hildegard Schmahl) plant ein großes Festessen für die Familie, Nachbarn und Genossen, an dem auch ihr Sohn Kurt (Sylvester Groth), der als Historiker arbeitet, und seine russische Frau Irina (Evgenia Dodina), die er immer wieder betrügt, teilnehmen. Ihr Sohn Sascha (Alexander Fehling) wird ungeduldig erwartet, um wie immer den Tisch für das Buffet aufzubauen, doch dieser ist kurz zuvor in den Westen geflüchtet. Die Familie tut alles, um Wilhelm, der immer noch an dem Staat hängt, den er mit aufgebaut hat, diese Nachricht vorzuenthalten…

Ich habe die Buchvorlage zum Film bereits kurz nach ihrem Erscheinen im Jahre 2011 gelesen, doch versuche trotzdem, die beiden miteinander zu vergleichen, soweit ich mich noch an die Handlung des Buches erinnern kann. Der größte Unterschied zwischen Roman und Verfilmung ist die Verdichtung der Handlung auf Wilhelms 90. Geburtstag. Der Film besteht ansonsten nur aus einem kurzen Vorspann ein paar Tage vor dem Geburtstag, als Kurt Sascha vor seiner Flucht besucht, der gerade seine Frau und seinen Sohn verlassen hat. Außerdem gibt es nur noch einen kurzen Nachspann, der ein paar Jahre später in Russland eine Beerdigung zeigt. Das Buch wiederum deckte einen Zeitraum von 1952 bis 2001 ab, spielte auch in Mexiko und in Russland und stellte viel mehr Aspekte der Geschichte der DDR dar als bloß ihren bevorstehenden Untergang. Die Ereignisse an Wilhelms 90. Geburtstag und die Beziehungen der Figuren untereinander sind nah ans Buch angelegt, werden aber immer wieder etwa durch Erzählungen der Figuren unterbrochen, die über die ausgelassene Vorgeschichte der Familienmitglieder informieren sollen. Der Vorspann des Films findet zwar auch im Buch Erwähnung, ist dort allerdings zeitlich früher angelegt, wie auch generell zwischen Roman und Verfilmung einige zeitliche Unterschiede herrschen. An die Komplexität des Buches, das eine Familiengeschichte über mehrere Jahrzehnte bot, kommt der Film somit kein bisschen heran. Wenn man ihn jedoch nicht an seiner Buchvorlage misst, sondern nur seine Herausstellung der DDR kurz vor dem Mauerfall bewertet, kann er durchaus überzeugen.
Die unterschiedlichen Einstellungen der verschiedenen Generationen zu ihrem Heimatland kann auch die Verfilmung sehr gut herausarbeiten. Das Festhalten an einem nicht mehr funktionsfähigen Staat verkörpert Bruno Ganz als Wilhelm sehr überzeugend, von dessen schauspielerischer Darstellung der Film sowieso lebt. Er sorgt auch immer wieder für komische Momente als knötteriges Familienoberhaupt, was die Verfilmung neben ihren ernsten Thematiken wirklich unterhaltsam macht. Kurt und Irina (die ich übrigens in ihrer Rolle ähnlich überzeugend wie Bruno Ganz fand) wiederum stehen ihrem Staat bereits kritischer gegenüber, halten jedoch immer noch die Fassade aufrecht, was sich auch in ihrer Ehe widerspiegelt. Sascha hingegen verlässt das sinkende Schiff und sein Sohn Markus zerstört dieses symbolisch komplett, als der alte Buffettisch durch ihn endgültig zusammenbricht. Der Film ist voll an solchen Symbolen, die bereits den Untergang der DDR einläuten, was ihn in meinen Augen zu einem guten Film macht. Er ist zeitweise wirklich lustig, unterhaltsam, aber gleichzeitig tiefgründig und melancholisch, vor allem zum Ende hin. Natürlich ist er simpler gestrickt als seine Buchvorlage, bewertet man aber nur seine Handlung, dann kann man ihn als gelungen bewerten.

Fazit

Man merkt mir vielleicht meine Zwiegespaltenheit bei der Bewertung dieser Verfilmung etwas an. Würde ich den Roman von Eugen Ruge nicht kennen, hätte ich den Film mit sehr gelungen bewertet. Sieht man ihn jedoch als Literaturverfilmung, dann kann er insbesondere aufgrund der Kürzungen nicht komplett überzeugen. Eine Hauptthematik des Buches, die verschiedenen Sichtweisen unterschiedlicher Generationen zur DDR, stellt der Film aber sehr gut heraus und darauf sollte man sich konzentrieren. Wer ihn aufgrund seiner Buchvorlage sehen möchte, wird sicherlich enttäuscht sein, rein als Film betrachtet, hat er mir aber überaus gut gefallen.

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