Sonntag, 7. Mai 2017

Rezension: Töchter einer neuen Zeit (Carmen Korn)

Kindler
Hardcover, 560 Seiten
ISBN: 978-3-463-40682-4
19,95 €


Ein kurzer Einblick

Als Henny Godhusen im Frühjahr 1919 die Hebammenausbildung an der Hamburger Frauenklinik Finkenau beginnt, liegt ein Weltkrieg hinter ihr. Nun will sie einer neuen Generation zu einem friedlichen Leben verhelfen. Dabei wird sie von ihrer Kindheitsfreundin, der rebellischen Käthe, der wohlhabenden Ida und der Lehrerin Lina begleitet. Ihre Freundschaft wird jedoch in den kommenden Jahrzehnten oft auf die Probe gestellt…

Bewertung


Carmen Korn beginnt mit diesem ersten Band ihrer Trilogie etwa dreizig Jahre aus dem Leben von vier Frauen, ihren Familien und Freunden zu erzählen. Da es sich dabei um die schicksalhaften Jahre zwischen 1919 und 1948 handelt, erlebt der Leser mit den Figuren einige Höhen und Tiefen, wobei einige mehr Negatives als andere erfahren. Carmen Korn spannt ein beeindruckendes Repertoire an Personen auf, die im Verlauf des Romans alle eine immense Entwicklung vollziehen. Es gibt eine unglaubliche Vielfalt an Personen mit verschiedensten Charakterzügen, Lebensverhältnissen, politischen Einstellungen und Religionen. All diese Personen haben ganz unterschiedlichen Lebensbedingungen und erleben völlig verschiedene Entwicklungen, doch sie wachsen dem Leser alle ans Herz. Auch wenn man mit dem ein oder anderen mehr mitfiebert, durchzieht doch den gesamten Roman die Spannung, wie es mit jedem einzelnen weitergeht.
Obwohl Carmen Korn anstatt der auf dem Klappentext angekündigten vier Frauen von etwa 15 Personen erzählt und dass über einen Zeitraum von 15 Jahren, ist es kein Problem, den Geschehnissen zu folgen. Da die einzelnen Kapitel jeweils mit Monat und Jahreszahl überschrieben sind und nacheinander zu allen Personen Passagen enthalten, erfährt der Leser zu jedem immer etwas Neues. Die Zeitsprünge zwischen den Kapiteln und die unterschiedliche Reihenfolge, in der innerhalb der einzelnen Kapitel von jedem berichtet wird, tragen zudem zur Spannung bei.
Fast jeder Leser wird wohl mindestens eine Person finden, mit der er sich identifizieren kann. Dass dies möglich ist, hängt jedoch auch damit zusammen, dass der Roman einige moderne Lebensformen aufgreift, deren Akzeptanz nur schwer Anfang des 20. Jahrhunderts vorstellbar ist. Zudem vereint der Roman etwas zu viele für diese Zeit ungewöhnliche Lebensumstände und Entwicklungen. So erzählt der Roman von miteinander unbehelligt lebenden Lesben, einer unentdeckten Liebesaffäre einer reichen Frau mit einem Chinesen und einer unbehelligten Ehe zwischen einem Christen und einer Jüdin. Dass die Personen in der realen Welt den Nationalsozialismus wie im Roman überstanden hätten, ist leider nur schwer vorstellbar. Zudem muss sich der Roman die Kritik gefallen lassen, dass er nicht realitätsnah die damalige Zeit widerspiegelt, denn Sympathisanten mit dem NS-Regime gibt es kaum.
Wer sich daran nicht stört, kann jedoch einen abwechslungs- und facettenreichen Roman mit viel Spannung erleben, in dem man einiges über die Geburtshilfe und Medizin der damaligen Zeit erfahren kann. Für Kenner Hamburgs bietet der Roman zudem den zusätzlichen Anreiz, dass viele reale und historische Orte sowie Straßen dort zu entdecken sind. Dies wird sogar um eine Karte der Stadtteile Hamburgs, in denen der Roman spielt, aus dem Jahr 1919 ergänzt, sodass es Früheres zu entdecken gibt. Auch das Glossar am Ende des Buches bietet ihr zusätzliche Informationen. Für diejenigen, die Hamburg nicht so gut kennen, ist dies jedoch nicht weiter störend.

Fazit

„Töchter einer neuen Zeit“ bietet mit einem unglaublichen Repertoire an Figuren auf, deren Entwicklung der Leser über schicksalhafte 30 Jahre verfolgen kann. Dieser Aufbau sorgte für eine kontinuierliche Spannung und lässt den Leser mit den Figuren mitfiebern. Kenner Hamburgs können sich zudem an Bekanntem und historisch Interessantem erfreuen.

4,5 von 5 Punkten

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