Mittwoch, 10. Mai 2017

Rezension: Everything I never told you (Celeste Ng)

Blackfriars
Paperback, 298 Seiten
ISBN: 9780349134284
8,09 € (Stand: 10. Mai 2017)

Ein kurzer Einblick

Ohio in den 1970er Jahren: die sechzehnjährige Lydia Lee ist der Liebling ihrer Eltern, die sich für ihre Tochter das Leben wünschen, das sie nicht bekamen. Ihr Vater James ist der Sohn chinesischer Einwanderer, der nie dazugehörte und seiner Tochter diese Erfahrungen ersparen möchte. Ihre Mutter Marilyn träumte von einer Karriere als Ärztin, wurde dann aber doch nur Hausfrau und Mutter, doch ihre Tochter soll es zu mehr bringen. Als Lydia schließlich tot in einem See gefunden wird und alles für Selbstmord spricht, zerbricht die Familie. James lässt sich auf eine Affäre ein, Marilyn versinkt in ihrer Trauer, Lydias älterer Bruder Nathan verdächtigt den Nachbarsjungen Jack, nur das jüngste Kind, Hannah, versucht, die Familie zusammenzuhalten…

Bewertung

Das Buch unterteilt sich in zwei Handlungsstränge. Immer abwechselnd wird einerseits die Geschichte rund um Lydias Tod und andererseits in Rückblenden die Geschichte der Familie vom Kennen lernen der Eltern an der Uni an erzählt. Die Rückblenden nähern sich dabei im Laufe des Buches immer mehr der Gegenwart in den 1970ern an, so dass man sukzessive mehr rund um die Umstände von Lydias Tod erfährt. Die Geschichte wird dabei immer aus wechselnden Perspektiven erzählt, jeder der Familie kommt zu Wort, oft wechselt der Erzähler direkt in den Szenen, ohne Abgrenzungen von Absätzen oder ähnlichem, was ich als sehr spannend empfand. Es verstärkt die Herausstellung, wie unterschiedlich die Figuren die gleiche Situation wahrnehmen und wie viel in der Familie unausgesprochen blieb, was der große Pluspunkt des Buches ist.
Es zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich Personen Situationen und Menschen interpretieren, was für ein verqueres Bild Lydias Eltern von ihr haben, die nur krampfhaft versucht, all die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen, notfalls mit Lügen. Man kann dabei die Ziele der Eltern zunächst einmal nachvollziehen. Der Vater, der immer aufgrund seiner Herkunft ausgegrenzt war, will dies seiner Tochter ersparen und wünscht sich für sie einen großen Freundeskreis. Die Mutter, die aufgrund ihrer Fähigkeiten eine ärztliche Karriere hätte starten können und dann aufgrund von Schwangerschaften daran gehindert wurde, will nicht, dass ihre Tochter genauso endet. Der Druck, den die Eltern dann jedoch auf Lydia ausüben, ohne sich zu fragen, was Lydia eigentlich wirklich selbst will oder ob sie dies überhaupt noch frei entscheiden kann, wird dann irgendwann zu extrem, so dass Lydia, insbesondere als sie die von ihr erwarteten schulischen Leistungen nicht mehr bringen kann, beinahe daran zerbricht. Dies gelingt Ng aber immer noch realistisch herauszustellen, die Familie ist in einen gefährlichen Strudel aus Erwartung, Lügen und Schweigen geraten und die beiden anderen Kinder werden angesichts des einen Kindes, das all die Probleme der Eltern lösen soll, vernachlässigt. Diese Dynamiken in der Familie stellt Ng sehr einfühlsam und psychologisch tiefgehend heraus, woraus ein fesselndes Familienportrait entsteht, das zeigt, was für Folgen es haben kann, wenn Eltern ihre verpassten Ziele auf ihre Kinder projizieren und diese unter Druck setzen, so dass die Kinder nur noch krampfhaft versuchen, ihren Eltern bis zur Selbstaufgabe alles recht zu machen. Gleichzeitig bekommt man ein Gefühl dafür, was es heißt, aufgrund seiner Herkunft nie völlig willkommen in einem Land zu sein und nie richtig dazuzugehören.
Der Roman hat somit alle Zutaten für ein ganz großes literarisches Werk, wenn denn auch die Handlung mit der sehr wichtigen Grundthematik mithalten könnte. Diese wird nämlich mit der Zeit leider etwas schwächer und ein wenig kitschig. Das etwas offen gehaltene Ende empfand ich zum Teil als unrealistisch, einige Aspekte waren zudem auch vorhersehbar und etwas klischeehaft. Insgesamt war die Geschichte aber sehr fesselnd, ich konnte stundenlang vor dem Buch sitzen und alles um mich herum vergessen. Die Handlung bewegte außerdem von der ersten bis zur letzten Seite und man fühlte mit den Figuren mit, so dass man über die wenigen Schwächen der Handlung auch schnell hinwegsehen konnte.
Letztes Jahr ist der Roman auch auf Deutsch unter dem Titel „Was ich euch nicht erzählte“ bei dtv erschienen.

Fazit

Zeitweise dachte ich, ich könnte dieses Buch mit 5 Punkten bewerten, doch die schwächer und unrealistischer werdende Handlung verhinderte dies leider. Trotzdem ist der Autorin ein sehr bewegendes, kluges und einfühlsam geschriebenes Werk gelungen, das aufgrund der dargestellten Familiendynamik vor dem Hintergrund von Diskriminierung von Einwanderern absolut lesenswert ist.

4 von 5 Punkten

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