Dienstag, 11. April 2017

Rezension: Die alten Griechen (Edith Hall)

Siedler Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8275-0092-2
26,99 €

Ein kurzer Einblick

Wie viel unserer Zivilisation wir den alten Griechen verdanken, lässt sich kaum aufzählen: sie erfanden die Demokratie, begründeten die Philosophie, schufen unzählige Mythen und Dramen, die uns heute noch begeistern und prägen. Doch was hat diese Menschen über alle politischen und kulturellen Grenzen hinweg angetrieben und was verbindet sie heute noch mit uns? Diesen Fragen geht Edith Hall, die am Londoner King’s College lehrt, auf originelle Weise nach: sie macht zehn Charaktereigenschaften aus, die allen griechischen Völkern gemeinsam waren, und widmet jeder von ihnen ein eigenes Kapitel, die zugleich die Geschichte der alten Griechen darstellen.

Bewertung

Edith Hall geht in ihrem Buch einer sehr wichtigen Frage nach, was hatten die alten Griechen überhaupt, die in unzähligen verschiedenen Gemeinschaften verteilt über die Küsten und Inseln des Mittelmeeres lebten, gemeinsam, abgesehen von ihrer Sprache, ihren Mythen und ihrem Polytheismus? Dazu betrachtet sie den großen Zeitraum von 1600 v. bis 400 n. Chr., von den Mykenern bis hin zur Entwicklung des Christentums zur Staatsreligion. Dabei untersucht sie zehn Charaktereigenschaften, die sie allen Griechen zuschreibt, wie etwa ihre Seefahrertätigkeit, ihr Misstrauen gegenüber Autorität, ihre Wissbegierde, ihre Wettkampfliebe oder ihre Redegewandtheit. Nach der Einführung behandelt sie die Charaktereigenschaften in zehn Kapiteln, die zugleich einzelne Abschnitte der griechischen Geschichte behandeln, unter dem besonderen Augenmerk einer typischen Eigenschaft. Diese spannende Idee hatte mich zunächst auf das Buch aufmerksam gemacht, in der Realität funktionierte sie meines Erachtens jedoch nur bedingt. Generell tat ich mich schwer mit dem Konzept, unzähligen Menschen über Jahrhunderte die gleichen zehn Charaktereigenschaften zuzuordnen. Diese mögen auf viele Griechen zugetroffen haben, aber niemals auf alle. Auch fehlte mir irgendwie ein roter Faden im Buch, der zwar eigentlich durch die Charaktereigenschaften gegeben sein sollte, doch bei der schriftlichen Umsetzung war vieles recht durcheinander, so dass ich ein wenig enttäuscht zurückblieb.
Dabei kann man an der reinen Recherchearbeit rein gar nichts kritisieren, im Gegenteil, diese ist ausdrücklich zu loben. Die Autorin hat sehr, sehr viel Arbeit in ihr Buch gesteckt, das wissenschaftlich einwandfrei ist. Im Anhang bekommt man noch eine Zeittafel und ausführliche Literaturangaben geboten, die Innenseiten des Buchdeckels zeigen Karten des griechischen Festlands und der griechischen Inseln und ihrer Umgebung. Es wurde auch immer wieder betont, wie viel die Griechen eben auch insbesondere aus dem Osten übernommen haben. Doch ihr Konzept konnte mich nicht richtig überzeugen, das auf mich hin und wieder so wirkte, als wurde es nur angewendet, um eben nicht schon wieder eine klassische Geschichte der alten Griechen zu schreiben.
Mit der Zeit wurde der Text auch wirklich besser, insbesondere die ersten Kapitel empfand ich als ziemlich zäh und langatmig, doch ab der Hälfte des Buches wurde dies deutlich besser. Die Ausführungen waren stimmiger aufeinander abgepasst und wurden immer interessanter. Man braucht aber eindeutig Vorkenntnisse zur griechischen Geschichte, deren wichtigste Entwicklungen und Akteure man kennen sollte, um dem Werk angemessen folgen zu können. Als Einstieg in die Thematik würde ich dieses Buch auf keinen Fall empfehlen.

Fazit

Ich bin in meiner Bewertung dieses Buches ein wenig zwiegespalten. Auf der einen Seite kann man an der Vorarbeit, die in diesem Werk steckt, nichts kritisieren, da war eine Meisterin ihres Fachs am Werk. Auf der anderen Seite konnten mich das gewählte Konzept und seine Umsetzung nicht immer überzeugen, so dass ich schon mehr von diesem Buch erwartet hatte. Doch wer Freude an der Beschäftigung mit den alten Griechen hat, der kann noch viel Wissenswertes über sie durch dieses Werk erfahren.

3,5 von 5 Punkten


Wir danken dem Siedler Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen