Montag, 20. März 2017

Rezension: Perdido Street Station 1. Die Falter (China Miéville)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 560 Seiten
ISBN: 978-3-404-23245-1
8,90 €

Ein kurzer Einblick

New Crobuzon ist eine moloch’sche Megalopolis für Menschen, Remades, Kaktusmenschen, Khepri ... Für Jahrhunderte sorgte eine brutale Miliz für Frieden. Bis der Garuda-Krieger Yagharack  mit einem ungewöhnlichen Auftrag an den Wissenschaftler Isaac Dan der Grimnebulin herantritt und eine Katastrophe auslöst. Ein Gierfalter entkommt und beginnt die kranken Fantasien der Stadt auszusagen.

Bewertung

Der Roman »Perdido Street Station« ist im deutschen zweigeteilt unter den Titeln »Die Falter« und der »Der Weber« erschienen. 2014 ist eine Neuauflage in einem Band veröffentlicht worden (ISBN: 978-3-453-31539-6).

China Miéville gelingt etwas, was bisher keinem mir bekannten Autoren gelungen ist. Der Autor erschafft eine unglaublich dichte Welt, dass man meinen könnte, die Hand aus dem Fenster zu strecken und den faulenden Duft der Megalopole New Crobuzons in den Fingern spüren zu können. Die meisten Schriftsteller erschaffen eine Handlung entlang eines roten Fadens. Einige weitere Autoren verknüpfen mehrere Handlungsfäden, um eine komplexere Geschichte zu erzählen. Miéville erschafft New Crobuzon, schöpft einen Teil der Stadtgeschichte ab und bereitet daraus eine der glaubwürdigsten Fantasy-Science-Fiction-Romane zu. Der Protagonist ist die Stadt selbst, das Geschehen ein Abschnitt der verkommenen Zeitachse. Im Moloch spielt sich das Leben der Einwohner ab. In ihren dichtbesiedelten Gassen, Slums, Industriebezirken und Rotlichtvierteln pulsiert das Leben. Dich gedrängt leben die Bürger zusammen, besitzen selbst wenig, sind eingepfercht im Korsett des Klassendenkens. Die Miliz arbeitet aus dem Geheimen heraus, hält eine Herrschaft des Schreckens aufrecht. Verbrechen und Pamphlete werden im Rahmen geduldet, wenn nötig werden grausame Exempel statuiert. Wer in einem ärmlichen Milieu aufwächst, bekommt kaum eine Chance gesellschaftlich aufzusteigen. Kephri, Kaktusmenschen, Garuda und eine Vielzahl weiterer Lebensformen tragen zur Kakophonie der Stadt bei. Sie nisten sich in den Eingeweiden der Stadt ein, überleben in den versifften Gassen oder flüchten in die Höhen des Himmels, hausen in verfallenen Gerüsten oder können sich eine Wohnung aus hart Erspartem leisten. Das Stadtbild wird von der Perdido Street Station geprägt, Bahnschienen schneiden sich wie Adern durch die Viertel. Einsame Gebilde wie die urzeitlichen Rippen eines vor Jahrhunderten gestorbenen Tieres ragen über die Dächer New Crobuzons hinaus.

Der Roman ist mehr als nur eine Geschichte; es ist ein Reiseführer in die niedrigen Schichten der Gesellschaft. New Crobuzon lebt, pulsiert, drängt danach in Worte gefasst, in Bilder verwandelt zu werden. Es ist eine Vision eines moloch’schen Kolosses einer Megalopole, die nur bestehen kann, weil die Stadt ihre eigenen Gesetze erschafft. Die Bildgewalt Miévilles ist atemberaubend. Sprachlich ist der Roman eine Offenbarung. Hier kann nur für die deutsche Übersetzung gesprochen werden, doch die Wortwahl schwankt zwischen Verständlichkeit und akademischer Dekadenz, posiert mit ungewöhnlichen Wörtern und verleiht der Sprache einen ganz signifikanten Stil. Die Sprache ist eine Fundgrube an anschaulichen Charakterisierungen der Lebensformen und typisiert plastisch die Gesellschaftsformen.

Mit dem Stadtbild und den Einwohnern verweigert sich »Perdido Street Station« der Science-Fiction. Mit der Wissenschaft verweigert sich der Roman der Fantasy. Die Thaumaturgie, das Wirken von Wundern, wird dem Religiösen enthoben und szientifisch angewandt. Es ist der Grundsatz der akademischen Forschung, der Grundstein, auf dem die Technik aufbaut. Daneben existieren noch weitere, jedoch nicht anerkannte Wissenschaften, oder gar verbotene.
Das Remading ist eine Wissenschaft für sich. Eingesetzt zur Bestrafung von Verbrechen, brandmarkt und entstellt es zugleich. Das Opfer wird umgestaltet, meist im Zusammenhang mit der begangenen Missetat. Die Umgestaltungen reichen von kleinen Veränderungen bis hin zu solchen, dass die Betroffenen als Droschke ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Im Schattendasein und als Zubrot für die ‚Künstler‘ dahinvegetieren die bezahlten Remades für Hurenhäuser, um die perversen Bedürfnisse ganz spezieller Kunden zu befriedigen.

Isaac Dan der Grimnebulin ist Wissenschaftler in den Randgebieten, von der Universität New Crobuzons nicht geduldet. Vom Garuda-Krieger Yagharack erhält er den Auftrag, ihm das Fliegen zu ermöglichen. Während seiner Forschung entkommt ein Gierfalter, der beginnt die Stadt auszusaugen. Der Gierfalter lebt nicht gänzlich in unserer Dimension, ist gefährlich und säuft die Fantasien der Opfer, die als seelenloser Fleischsack am Leben bleiben. Um die Geschichte und die Charaktere soll es jedoch im zweiten Teil der Rezension (»Der Weber«) gehen.

Fazit

»Die Falter« ist sowohl sprachlich als auch erzählerisch ein Meisterwerk, das sich gekonnt der Fantasy und der Science-Fiction entzieht. China Miéville erschafft ein Universum, das zum Greifen nah scheint und doch befremdlich zugleich ist. Es sind die kleinen Unterschiede, die das Stadtbild und die Gesellschaft prägen, die den Roman weit über das Niveau seiner Brüder im Geiste erhebt.

5 von 5 Punkten

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