Mittwoch, 15. März 2017

Rezension: The Heart's Invisible Furies (John Boyne)

Doubleday
Hardcover, 608 Seiten
ISBN: 978-0857523471
19,99 € (Stand: 15. März 2017)

Ein kurzer Einblick

John Boynes neuestes Werk erzählt von Cyril Avery, der von einem exzentrischen Paar aus Dublin adoptiert wurde, nachdem seine Mutter ihn bereits im Teenageralter auf die Welt brachte. Seine Adoptiveltern machen nie ein Geheimnis daraus, dass er kein wirklicher Avery ist, doch wer ist er dann und woher kommt er? Und wie kann er seine Homosexualität im konservativen Irland ausleben? Fragen, die ihn sein ganzes Leben begleiten, ebenso wie auch die Freundschaft mit dem glamourösen, aber auch gefährlichen Julian Woodbead, in den er heimlich verliebt ist.

Bewertung

Ich bin mittlerweile ein großer Fan von John Boynes Werken und habe inzwischen fast alle gelesen, da durfte sein neuester Roman natürlich auch nicht fehlen. Er behandelt eine Zeitspanne von 70 Jahren, setzt im Jahr 1945 ein und endet im Jahr 2015, wobei die Handlung immer in 7 Jahres-Sprüngen fortgeführt wird. Im ersten Teil wird die Geschichte noch aus der Sicht der Mutter erzählt, danach nur noch aus Cyrils. Aufgrund der langen Zeitspanne erfährt man sehr viel über die Entwicklung der gesellschaftlichen Einstellung zur Homosexualität vor allem in Irland, aber auch später in Europa und den USA, wie rückständig und grausam diese vor wenigen Jahrzehnten noch war und wie groß auch die Unterschiede in verschiedenen Ländern waren. Auf diesen Handlungsstrang fokussiert sich der Roman, Cyrils Adoption bildet nur eine Nebenhandlung. Seine Mutter taucht immer mal wieder auf, ohne dass beide wüssten, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Auch die Thematik AIDS spielt eine Weile eine große Rolle im Buch, wenn auch vielleicht in etwas anderer Form, als man zunächst vermuten könnte.
Von seiner Hauptthematik lebt der ganze Roman, diese macht ihn so erschütternd und bewegend, dass man ihn kaum aus der Hand legen kann. Trotz der 600 Seiten hat das Buch keinerlei Längen und fesselt komplett von der ersten bis zur letzten Seite. Dies ist auch der sehr authentischen und realistischen Hauptfigur geschuldet, deren Lebensweg und Suche zu sich selbst man hautnah miterleben und auch nachempfinden kann, selbst wenn man diese Erfahrungen nicht gemacht hat. Es ist berührend mit anzusehen, wie Cyril mit seiner sexuellen Orientierung kämpft, wie er sie versucht zu verleugnen, sich wünscht, „normal“ zu sein, schmerzende Arztbesuche über sich ergehen lässt, die diese „Krankheit“ heilen sollen, und mit der Zeit seinen Frieden mit ihr macht und eine normale Beziehung erleben kann. Es stecken darin so viele Appelle für mehr Toleranz, insbesondere in Irland, und man fragt sich immer wieder, was kann jemand dagegen haben, wenn zwei Menschen sich lieben, seien es nun Mann und Frau oder Mann und Mann oder Frau und Frau? Who cares? Zugleich steckt aber auch viel Humor im Buch, es ist nicht bitter und depressiv, sondern immer mit einem Hoffnungsschimmer versehen.
Eine Kleinigkeit störte man dann doch an diesem großartigen Werk, die sehr typisch für Boyne ist. Ein paar Aspekte sind wie immer etwas vorhersehbar, einiges kann man sich bereits im Voraus denken, wenn auch hin und wieder überraschende Wendungen passieren. Insgesamt fügten sich alle Handlungsstränge aber ein wenig zu sehr ineinander, was immer etwas konstruiert wirkt. Außerdem fiel das Ende dann doch etwas zu kitschig für meinen Geschmack aus, der reine Happy End-Charakter passte nicht so ganz zum restlichen Buch.
Ich konnte bisher nicht in Erfahrung bringen, ob eine deutsche Ausgabe des Romans geplant ist, gehe aber davon aus, dass es auch wie seine anderen Romane auf Deutsch erscheinen wird. Solange kann ich aber auch die englische Version empfehlen. Wer recht sicher in Englisch ist, wird keine Probleme haben, dem Werk folgen zu können.

Fazit

Und wieder begeistert mich John Boyne mit seinem neuesten Roman. Man bekommt alles geboten, was meiner Meinung nach gute Literatur ausmacht: eine spannende und rührende Handlung, eine sympathische und lebensnahe Hauptfigur, einen gut recherchierten und authentisch dargestellten historischen Kontext und eine Hauptthematik, die zum Nachdenken anregt. Wer noch keine Bücher des Autors gelesen hat, fangt definitiv damit an!

4,5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen