Dienstag, 21. März 2017

Rezension: Die Schwestern (Jan Guillou)

Heyne Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN: 978-3-453-27030-5
19,99 €

Ein kurzer Einblick

Der mittlerweile fünfte Teil der Brückenbauer-Reihe beschäftigt sich stärker mit den Töchtern von Lauritz. Beide sind während des Zweiten Weltkriegs im Widerstand aktiv, während sich ihr Vater politisch eher bedeckt hält. Im Fokus steht die ältere Tochter Johanne, die zunächst für den norwegischen Widerstand als Kurier arbeitet, bis sie lebensgefährlich verletzt wird. Daraufhin schmuggelt sie norwegische Widerstandskämpfer über die Grenze nach Schweden, bis sie schließlich vom britischen Geheimdienst rekrutiert wird. Sie gerät in die gefährliche Welt der Geheimdienste, in der Angst und Bedrohungen zu ihren ständigen Begleitern werden und sie beinahe täglich ihr Leben aufs Spiel setzt…

Bewertung

Den ersten Band der Reihe hatte ich noch mit Begeisterung gelesen, danach ging es leider sukzessive bergab, doch zum Glück habe ich bis zum fünften durchgehalten, denn dieser ist Jan Guillou wieder deutlich besser gelungen. Die Handlung fokussiert sich auf die Jahre 1941 und 1942 mit einem kurzen Ausblick auf 1945 und rückt Lauritz’ ältere Tochter Johanne in den Mittelpunkt, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Der deutsche Titel ist daher etwas irreführend, die jüngere Schwester Rosa spielt zwar neben Johanne die größte Rolle im Roman und der Titel wurde sicherlich in Anleitung an den zweiten Band „Die Brüder“ so gewählt, doch eigentlich erzählt das Buch im Wesentlichen nur von Johannes Widerstandsarbeit. Der Rest der Familie (außer Rosa wie gesagt) ist zur absoluten Nebensache geworden, insbesondere die Brüder Lauritzen, die noch die ersten vier Bände dominierten, ebenso wie ihre Bautätigkeit, die vor allem den ersten Band so lesenswert machte, haben bestenfalls noch eine Statistenrolle, Sverre kommt eigentlich so gut wie gar nicht mehr vor. Auch sterben einfach wichtige Figuren der Reihe sang- und klanglos weg, was so nebenbei erzählt wird, da hätte ich mir eine gewisse Würdigung doch gewünscht.
Dafür überzeugt der Roman, was den historischen Hintergrund angeht. Die geheimdienstliche Tätigkeit mit all ihren Gefahren und Wirrungen macht ihn deutlich spannender als seine Vorgänger und man muss auch stärker konzentriert der Handlung folgen, um irgendwie dem Gestrüpp an wechselnden Abteilungen, für die Johanne arbeitet, sei es für den norwegischen Widerstand, den englischen oder den schwedischen Geheimdienst, folgen zu können. Etwas Vorwissen benötigt man schon, um die Handlung angemessen verstehen zu können, gleichzeitig bekommt man aber einen spannenden Einblick in die skandinavische Sicht auf den Zweiten Weltkrieg geboten, der auch bei mir trotz jahrelanger intensiver Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg fehlt. Es ist spannend, dieser Thematik einmal nicht aus der mitteleuropäischen Sicht zu begegnen.
Ein Minuspunkt des Buches ist aber leider die sich fortsetzende Gefühlslosigkeit, mit der die Ereignisse um Johanne geschildert werden. Man fühlt nicht mit ihr mit und bekommt keine richtige Verbindung zu ihr, auch da ihre Gewissensbisse und Schuldgefühle, wenn sie etwa für den Tod von Menschen – wenn auch auf der gegnerischen Seite – verantwortlich ist oder ihren Körper zu Spionagezwecken einsetzt, sehr oberflächlich und wenig einfühlsam geschildert werden. Auch für den Rest der Figuren entwickelt man kein Mitgefühl mehr, sie kommen ja sowieso nur noch am Rande vor. Immerhin muss man sich nicht durch den Roman schleppen, er ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd geschrieben, nur das abrupte und hochtrabende Ende gefiel mir überhaupt nicht. Zudem nerven die ewigen Schilderungen, was genau wann von den Figuren gegessen wurde, wirklich sehr.

Fazit

Nach den enttäuschenden Vorgängerbänden habe ich Jan Guillou diese letzte Chance noch einmal gegeben und bereute dies immerhin nicht, da sich der Roman wieder deutlich spannender darstellte und interessante Einblicke ins Skandinavien während des Zweiten Weltkrieges gab. Ich weiß nicht, ob noch ein sechster Band geplant ist, vielleicht sollte der Autor die Reihe nun endlich ruhen lassen oder sich wieder auf ihre Stärken konzentrieren, die für mich vor allem im Zusammenspiel der Familien der Brüder Lauritzen und der anfänglichen Bautätigkeit lagen. Ansonsten werde ich vermutlich nicht mehr zu einem weiteren Band der Reihe greifen, denn mit der Ausgangsgeschichte hat sie kaum noch etwas zu tun.

3,5 von 5 Punkten


Wir danken dem Heyne Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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