Donnerstag, 9. März 2017

Rezension: Berlin Alexanderplatz (Alfred Döblin)

dtv
Taschenbuch, 454 Seiten
ISBN:     978-3-342-300295-0
8,90 €


Ein kurzer Einblick

Der Transportarbeiter Franz Bieberkopf wird aus der Strafanstalt Berlin-Tegel entlassen und schwört, von nun an als anständiger Mann leben zu wollen. Franz Bieberkopf ist redlich bemüht, doch alles im Berlin der 1920er Jahre scheint sich gegen ihn verschworen zu haben.  So gerät Franz in einen Strudel aus Verrat und Verbrechen und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wie lange er sich diesem verwehren kann…

Bewertung

Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ zählt heute einerseits zu den bedeutendsten Werken der deutschen Moderne. Andererseits scheiden sich an diesem Großstadtroman aber auch die Geister. So sind sein Aufbau in neun Büchern, die Montage unterschiedlichster Textformen in den Gesamttext und die verschiedenen Sprachstile zwar durchaus innovativ, doch für den ungeübten Leser hauptsächlich verwirrend. Auch der geübte Leser muss sich insbesondere durch die ersten Kapitel doch erst einmal durchkämpfen.
Der Handlungsstrang des Romans ist eigentlich in wenigen Sätzen erzählt, dennoch erstreckt sich der Roman auf über 450 Seiten. Dies trägt einerseits dazu bei, dass das Berlin der 1920er Jahre und die sich in ihm aufhaltenden Personengruppen und Gegebenheiten ausführlich entwickelt werden, doch andererseits hat der Roman auch einige Längen, in denen die Handlung kaum voranschreitet. Gepaart mit dem extravakanten Schreibstil Döblins, der Dialekte, mehrere Erzähltechniken und Versatzstücke aus anderen Texten vereint, die mit teils uneindeutigen Fußnoten versehen sind, die auch Abweichungen zum Manuskript anzeigen, ist der Roman insbesondere zu Beginn zäh zu lesen. Wenn man sich an diese ungewohnte Form gewöhnt hat, nimmt die Handlung ab Mitte des Romans auch etwas Spannung auf. Dennoch muss es der Leser mit etwas Durchhaltevermögen erst einmal bis zu diesem Punkt schaffen.
Der Roman an sich thematisiert nicht nur den Antihelden Franz Bieberkopf, sondern beschreibt vielmehr eine ganze Stadt. Berlinkenner können sich an vielen bekannten Straßennamen sowie Plätzen erfreuen und erhalten zudem ein differenziertes Bild über die Lokalisierung von Armut und Reichtum sowie Kleinkriminalität und Prostitution in den 1920er Jahren. Dabei werden ungeschminkt insbesondere die nicht so schönen Seiten in den Fokus gerückt. Wie Franz Bieberkopf stehen auch die anderen Figuren im Roman außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Man trifft sich in Kneipen, auf der Straße oder beim illegalen Geschäftemachen. Es ist schwer, Sympathie mit den Figuren zu entwickeln. Franz Bieberkopf ist auf der einen Seiten unbelehrbar, naiv und gutherzig, auf der anderen Seite jedoch auch aggressiv, insbesondere gegenüber Frauen. Da es sich bei den anderen Figuren um Verbrecher, Zuhälter und Prostituierte handelt, fehlt dem Leser auch hier jegliche Identifikationsfigur. Dafür ist der Roman reichhaltig an Verknüpfungen zu anderen Werken und Mythen, sodass er nicht zuletzt mit Werken wie „Ulysses“ häufig in einem Zuge genannt wird.

Fazit

„Berlin Alexanderplatz“ macht es dem Leser nicht leicht. Döblins ungewöhnlicher Schreibstil, die Fokussierung auf übergreifende Aktivitäten in einer Großstadt und die wenig sympathieträchtigen Figuren lassen den Leser nur schwer in den Roman eintauchen. Ist das Eintauchen jedoch geglückt, so bietet der Roman vieles auf, das es zwischen den Zeilen zu entdecken gibt.

3 von 5 Punkten

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