Dienstag, 7. Februar 2017

Gastfilmkritik: Bob, der Streuner


Der obdachlose Straßenmusiker James kämpft ums Überleben auf Londons Straßen. Er befindet sich in einem Drogenentzugsprogramm und erhält dank seiner Therapeutin Annabelle eine kleine, abgewohnte Sozialwohnung, um ihm den Weg zurück in die Normalität zu erleichtern. Dort lernt er nicht nur seine Nachbarin Betty kennen, sondern wird zudem Pflegepate eines verletzten roten Katers. Nach dessen Genesung will Bob, wie der Kater getauft wird, aber nicht mehr fort und begleitet James fortan auf Schritt und Tritt.

Der Bestseller nach der wahren Geschichte von James Bowen verzauberte Menschen aller Welt, so dass Filmemacher recht schnell Interesse an der cineastischen Umsetzung zeigten. Der Hauptcharakter James wird von Luke Treadaway gespielt, während Minitiger Bob sich größtenteils selbst verkörperte. Der Autor James Bowen war am Set anwesend und hat Luke Treadaway viele Tipps und Hinweise für seine Rolle gegeben.
Und die hat der Schauspieler fabelhaft umgesetzt. Seine Darstellung eines ums Überleben kämpfenden Straßenmusikers und ex-Drogensüchtigen auf Entzug ist umwerfend. Jeder schwierige Moment kommt glaubhaft rüber und als Zuschauer bangt man mit dem Charakter mit. Getoppt wird diese Darbietung nur von Kater Bob, der nicht nur exzellent in Szene gesetzt wurde, sondern jeden seiner Auftritte auch exquisit verkauft. Man spürt deutlich die wachsende Freundschaft zwischen Kater und Mensch.
Ganz besonders gelungen finde ich auch die schwierige Beziehung zwischen James und seinem Vater (gespielt von Antony Head), auch wenn sie verglichen mit der Buchvorlage überdramatisiert wurde. Insgesamt jedoch kommen die zwischenmenschlichen Beziehungen mit ihren Hochs und Tiefs sehr gut zur Geltung.
Allerdings hat der Film nur den roten Faden mit der Buchvorlage gemein. Die vielen Details in der Bucherzählung, die den Roman erst wirklich lesenswert machen, gingen in der Verfilmung leider verloren. Im Buch steht ganz klar die Beziehung zwischen Mensch und Kater im Vordergrund. Im Film wurde neben dieser noch eine romantische Seite mit Betty eingeführt. Betty existiert überhaupt nicht im Buch. Auch ist Annabelle im Buch nicht James‘ Therapeutin, sondern seine Ex-Geliebte und nun sehr gute Freundin. Den Namen des Drogenentzugstherapeuten kennt der Leser des Romans nicht.
Auch wurde einiges am Spannungsbogen modifiziert. Im Buch lernen sich Mensch und Kater im Treppenhaus kennen, als Bob hungernd und verletzt auf dem Schuhabtreter des Nachbarn ausharrt. Im Film „bricht“ Bob durch ein offenes Fenster in die Küche ein, bevor sich beide einige Tage später erneut begegnen. Auch läuft Bob im Buch zweimal davon, weil er sich erschrickt. James findet ihn aber immer am selben Tag wieder. Im Film hingegen passiert dies nur einmal, aber Bob ist gleich mehrere Tage verschwunden, bevor er heim findet. Auch der Grund des Weglaufens ist ein anderer als die zwei im Buch.
Der endgültige Entzug von der Ersatzdroge Methadon findet im Buch wie auch im Film statt. Diese Szenen sind meiner Meinung nach mit die besten des ganzen Films. Allerdings dauert laut Film dieser Entzug eine komplette Woche, während im Buch gerade einmal zwei Tage vergehen. Auch hier wurde für die Spannung des Films die Romanvorlage abgeändert.
Zum Ende des Films hin bewegen wir uns dann auch schon gar nicht mehr im Buch „Bob, der Streuner“. Die Filmemacher haben hier vorweggegriffen und Teile des zweiten Buchs „Bob und wie er die Welt sieht“ umgesetzt, insbesondere alles rund um das Entstehen des Buches und die darauffolgende Veröffentlichung. Nur den Film betrachtet fügt sich dieser Vorweggriff sehr gut in die Storyline und bietet einen runden Abschluss. Man fragt sich allerdings, was dann die Handlung eines etwaigen zweiten Films sein soll. Viel gemein mit den Büchern dürften künftige Verfilmungen – so sie denn geplant sind – somit nicht mehr haben.
Wiederum gut finde ich die musikalische Untermalung. Neben dem Soundtrack von David Hirschfelder hat der britische Singer-Songwriter Charlie Fink eigens für den Film sechs Songs komponiert, die Luke Treadaway auch noch selber singt und die jeweils gut in die jeweiligen Szenen passen.

Fazit

Wer auf eine getreue Verfilmung des Bestsellers gehofft hat, wird leider enttäuscht sein. Bis auf den roten Faden der Geschichte haben Vorlage und Verfilmung kaum etwas gemein. Wer allerdings das Buch nicht kennt oder ausblenden kann und einen etwas ruhigeren Film sucht, der Gewicht auf zwischenmenschliche Beziehungen legt und das Thema Freundschaft groß schreibt, der wird mit „Bob, der Streuner“ einen guten Fang machen.

Diese Filmkritik verfasste Luinrina für Legimus.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen