Freitag, 27. Januar 2017

Rezension: Nussschale (Ian McEwan)

Diogenes Verlag
Hardcover, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-06982-2
22,00 €

Ein kurzer Einblick

Die hochschwangere Trudy lebt in einem heruntergekommenen, aber doch sehr wertvollen Londoner Einfamilienhaus, allerdings nicht mit ihrem Ehemann und dem Vater ihres Kindes, dem Verleger und Dichter John, sondern mit seinem Bruder Claude, einem sehr banalen Bauunternehmer, mit dem sie ihren Mann betrügt. Die beiden schmieden einen Plan, um John loszuwerden, der jedoch einen Zeugen hat: das knapp neun Monate alte, noch ungeborene Kind in Trudys Bauch, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird…

Bewertung

Ich habe ja nun bereits einige Bücher von Ian McEwan gelesen, doch dieses hatte mit Abstand den seltsamsten, aber auch originellsten Ich-Erzähler, dem ich beim Lesen begegnet bin. Das Baby, das ganz knapp vor seiner Geburt steht, führt durch die Geschichte, bekommt es doch seine Informationen über die Welt, in die es erst noch hineingeboren wird, durch all die belauschten Gespräche von seiner Mutter mit Claude und diversen Radiosendungen und ähnliches, denen Trudy stetig lauscht. Es kommentiert all die Ereignisse, die es mitbekommt, ergeht sich immer wieder in philosophischen Betrachtungen, auch über aktuelle weltgeschichtliche Entwicklungen, sei es der Brexit oder die Flüchtlingskrise, immer sehr geistreich und witzig, wenn mich auch die Lobpreisung der Gentechnik etwas irritiert hat. Man erlebt so einen sehr außergewöhnlichen Blick auf die Welt, der auch trotz seiner Unrealistischkeit nicht befremdet, man vergisst sehr schnell, dass Babys, zudem noch nicht geborene, diese Gedanken gar nicht fassen und noch nicht so viel von der Welt um sich herum mitbekommen und begreifen können. Die originelle Erzählweise funktioniert schlichtweg.
Auch sonst gefiel mir der Roman sehr gut. Er ist sehr spannend gestaltet und fesselte mich von der ersten Seite an. Zum Teil nimmt er gar kriminalistische Züge an, vor allem gegen Ende, wenn Trudy und Claude ihren Plan in die Tat umsetzen wollen und es Ermittlungen der Polizei gibt. Dies machte ihn einerseits sehr kurzweilig, andererseits gaben die intelligenten Gedanken des Erzählers und viele wichtige aufgeworfene Fragen nach Liebe und Hass, Liebe eines Kindes zu kriminellen Eltern der Handlung die gewisse Würze. Sie wies zwar auch ein paar Schwächen auf, zum Teil war die Entwicklung der Geschichte dann doch etwas zu sehr vorhersehbar und mit den Figuren wurde zumindest ich nicht sonderlich warm, sie waren doch recht eindimensional gezeichnet, allen voran der einfältige Claude, der vom Baby jedoch herrlich bissig verspottet wird. Dennoch ist dem Autor ein sehr guter Roman gelungen, der ein typisches Klischeethema wie eine Dreiecksbeziehung aus einer einzigartigen Sichtweise erzählt.

Fazit

Dies mag nicht McEwans bestes Werk sein, ein kurzweiliges, erfrischendes und fesselndes Buch ist „Nussschale“ aber definitiv. Man wird zwar mit den Hauptfiguren nicht so richtig warm, einzig das Schicksal des spöttischen, intelligenten Babys berührt einen, doch man erhält eine außergewöhnliche Sicht auf unsere aktuellen Entwicklungen, die auch zum Nachdenken anregt. Demnach unbedingte Leseempfehlung! 

4 von 5 Punkten

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