Dienstag, 10. Januar 2017

Rezension: Andere Himmel (China Miéville)

Bastei Lübbe
Paperback, 348 Seiten
ISBN: 978-340-424361-7
16,00 €

Ein kurzer Einblick

Lasset euch entführen in eine magische Welt, düstere Gassen, phantastische Geheimnisse. Erforscht China Miévilles Sammlung phantasiereicher Ideen. Entdeckt das Werden eines Faktotums. Lasst euch anstecken von der Faselpest. Streift durch ein von Monstern besetztes London. Lauscht der Geschichte von Gotteshand, dem Remade mit dem Scherenarm aus New Crobuzon.

Bewertung

China Miéville ist ein Experimentator, Künstler, Entdecker und Zauberer der 24 Buchstaben. Er besitzt eine unglaubliche Fülle an Ideen, bezaubert mit stilistischer Vielfalt und gestaltet seine Erzählung tiefgreifend aus. Miévilles Welten ist die Simplizität weggelaufen, stattdessen regieren Originalität und Kontemplation. Die Geschichten des Autors können und wollen sogar hinterfragt und interpretiert werden. Horror, Politik, Dark-Fantasy, Zeitgeist, Science-Fiction, Monster - China Miéville nimmt sich der Genre und Themen an und formt sie in eine phantastische Handlung, ästhetisch zu Worten und Sätzen gebildet. Auf ein paar der Geschichten soll exemplarisch eingegangen werden, die Magie der weiteren Erzählungen müsst ihr selbst konstatieren.

»Fundament« ist die bedrückende Erzählung eines Mannes, der die Toten unter den Hausfundamenten hört. Unaufhörlich wispern sie ihm zu und er glaubt zu verstehen, liefert ihnen ein Opfer - er will sie nicht mehr hören. Die Toten, sie raunen aus vergangener Zeit, als Räumpanzer sie lebendig in Schützengräben begruben.

»Kullerbuntland« schlägt einen freudig grausigen Tonfall an. Das Bällebad im Möbelhaus ist die helle Freude eines jeden Kindes, der Sonntagsausflug der Familie. Wie sie strahlen, die Augen der Kinder, wie sie Flehen, weil sie nicht gehen wollen. Die Alltäglichkeit ist zum Greifen nah. Nur mit dem Häuschen in der Ecke des Kullerbuntlands stimmt etwas ganz und gar nicht. Kinder werden gebissen, Pipipfützen entdeckt, die kein Kind hinterließ. Das Mixtum compositum aus Kinderfreude und Spuk verstört.

»Faktotum« ist die Erzählung eines aus Hexerei entstandenen Wesens auf der Suche nach einem Bewusstsein und einem Ich. Neugierig entdeckt es die Welt der Gefahren und den Drang sich stets selbst zu verbessern.

»Auszug aus einer medizinischen Enzyklopädie« ist eine Sammlung medizinischer Dokumente. Sie überprüfen und belegen die Theorie einer Pest, die durch einen Wurm im Gehirn übertragen wird. Die Faselpest lässt das Opfer bestimmte Wörter immer und immer wieder wiederholen. Hört jemand das Wort, wächst ein neuer Wurm heran.

»Eia-Weihnacht« ist eine Vater-Tochter-Geschichte, die Weihnachten ® zum Volksaufstand macht. Die Markenrechte an Weihnachten ® sind an Unternehmen verkauft. Christbaumkugeln ®, buntes Geschenkpapier ®, Geschenke unterm Baum ® - für alles müssen Lizenzen gezahlt werden. Wer gegen die Gesetze verstößt, muss horrende Strafen zahlen.

Enthalten sind Geschichten:
Suche Jake
Fundament
Kullerbuntland
Berichte über gewisse Vorfälle in London
Faktotum
Auszug aus einer medizinischen Enzyklopädie
Details
Mittelsmann
Andere Himmel
Die Hungernden speisen
Eia Weihnacht
Jack
Auf dem Weg zur Front
Spiegelhaut

Fazit

Die vierzehn Geschichte China Miévilles haben eines gemeinsam: Sie alle sind phantastisch, phantastisch abwechslungsreich, phantastisch ideenreich, phantastisch sprachbegabt - so ganz anders als dieses eintönige Fazit. So groß die Ideenvielfalt sein mag, überzeugt nicht jede Idee oder Stilistik. Mit Erstaunen zurückgelassen wird der Leser aber in jedem Fall.

4 von 5 Punkten

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