Donnerstag, 8. Dezember 2016

Rezension: Kleiner Mann - was nun? (Hans Fallada)

Aufbau Verlag
Gebunden mit Schutzumschlag, 557 Seiten
ISBN: 978-3-351-03641-6
22,95 €

Ein kurzer Einblick

Hans Falladas 1932 veröffentlichter Roman erschien zunächst bloß in gekürzter Fassung, erst in diesem Jahr wurde das Buch in seiner Originalfassung herausgegeben. Es erzählt die Geschichte des Verkäufers Johannes Pinneberg und seiner Freundin Lämmchen, die ein Kind erwarten. Das Paar entschließt sich zur Heirat, selbst wenn das Geld durch die Weltwirtschaftskrise stetig knapper wird. In dieser unsicheren Phase, in der auch die Nationalsozialisten immer mehr Zulauf bekommen, nimmt Lämmchen das Leben ihres sehr verzweifelnden Mannes selbst in die Hand. In dieser Urfassung folgt man beiden noch tiefer ins Nachtleben des damaligen Berlins und in die von den „Roaring Twenties“ geprägten Subkulturen.

Bewertung

Ich habe vor ein paar Jahren Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ gelesen, das schlichtweg eins der besten Bücher war, die ich jemals gelesen habe. Dies machte mich natürlich neugierig auf weitere Werke von ihm, wobei diese vermutlich nicht an sein Spätwerk heranreichen würden können. Als ich dann hörte, dass „Kleiner Mann – was nun?“, das seine Bekanntheit zu Lebzeiten erst losgetreten hatte, in ungekürzter Version erscheinen würde, musste ich es mir natürlich auch zu Gemüte führen und dies hat sich wirklich gelohnt.
Es spielt zu Beginn der 1930er Jahre in der Hochphase der damaligen Arbeitslosigkeit in Deutschland während der Weltwirtschaftskrise ab 1929. Im Zentrum steht das Leben der einfachen Leute in und um Berlin, verkörpert durch den Verkäufer Pinneberg und sein Lämmchen, die versuchen, mit Pinnebergs geringem Angestelltengehalt über die Runden zu kommen. Wie schwer dies ihnen gemacht wird, stellt Fallada durchweg überzeugend heraus. Man fühlt sich von der ersten Seite an in die Lebenssituation der Pinnebergs ein: über die schlechte Behandlung und Bezahlung an der Arbeitsstätte, die hinterlistigen, aber auch hilfsbereiten Kollegen, den Druck seitens der Geschäftsführung, die das Wissen ihrer Angestellten über ihre Austauschbarkeit angesichts der vielen Arbeitslosen ausnutzen, die minimale Unterstützung durch den Staat und die unnötig erschwerten Behördengänge mit all ihrer Bürokratie, die Unmöglichkeit trotz einer detaillierten Aufstellung der monatlichen Kosten und großer Sparsamkeit, die monatlichen Ausgaben ohne Erspartes abzudecken, und die langsame Lähmung und Resignation der Arbeitnehmer angesichts fehlender Möglichkeiten, etwas an ihrer Situation zu verbessern, und ihrer stetigen Erniedrigung und gefühlten Nutzlosigkeit. Fallada arbeitet die Situation des kleinen Mannes dabei immer realistisch und lebensnah heraus, die bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren hat. Die Geschichte berührt sehr und man bleibt sehr enttäuscht darüber zurück, dass sich an diesem System im Wesentlichen bis heute nicht viel geändert hat.
Wenn der Roman stärker Einblicke in das Berliner Nachtleben gibt oder Pinnebergs Mutter und ihr Freund Jachmann auftauchen, wie auch die Freikörperkulturgeschichten um Pinnebergs Kollegen Heilbutt, dann weist das Buch doch ein paar Längen auf. Mich interessierten diese Thematiken nicht so sehr, wenn sie auch wieder lebensnah dargestellt wurden, auch durch die sehr realistischen Dialoge, die sich durch den kompletten Roman ziehen, wie auch die verwendeten Dialekte. Die Geschichte um Pinneberg und Lämmchen empfand ich jedoch schlichtweg als treffender gelungen.
Als schönen und informativen Zusatz bietet diese Ausgabe noch ein längeres Nachwort von Carsten Gansel, das über Falladas Schreibprozess, die damaligen Veröffentlichungsumstände und Leserreaktionen informiert und ebenso darstellt, wie es zur Auflage der ungekürzten Version kam und wie sich diese von der zunächst herausgegebenen Kurzfassung unterscheidet.

Fazit

An Hans Falladas Klassiker „Jeder stirbt für sich allein“ kommt dieser Roman zwar nicht heran, er stellt dennoch ein gelungenes und rührendes Werk dar, das eindrucksvoll die Lebenssituation des kleinen Mannes herausarbeitet und einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht kalt lässt. In mir hat es Interesse an weiteren Werken des Autors geweckt, die hoffentlich genauso lebensnah gestaltet sind.

4 von 5 Punkten

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