Donnerstag, 3. November 2016

Rezension: Tiere essen (Jonathan Safran Foer)

Fischer Verlag
Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-596-18879-6
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Das Thema „Tiere essen“ hatte Jonathan Safran Foer bereits sein gesamtes Leben beschäftigt, doch wirklich dringlich wurde es erst, als sein Sohn geboren wurde. Über die Frage, wie er sein Kind ernähren sollte, kam er schnell zu allgemeinen Überlegungen: Warum essen Menschen Tiere? Würden wir sie auch noch essen, wenn wir genau wüssten, wo sie herkommen und wie der Schlachtungsprozess vonstatten geht? Er recherchierte über Jahre zu der Thematik, brach nachts in industrielle Tierfarmen ein und sprach mit vielen Akteuren und Experten. Seine erschütternden Ergebnisse über unsere gegenwärtig gängigen Methoden zur massenhaften Fleischproduktion stellt er in diesem Buch zusammen.

Bewertung

Direkt vorneweg: Foers Ausführungen über die gegenwärtige Massentierhaltung beziehen sich zwar vor allem auf die Zustände in den USA, die durchaus noch etwas schlimmer als in der EU sind, doch durch einige Vergleiche zu Kanada und der EU nimmt er dann doch die Hoffnung, dass das Fleisch hier bei uns wirklich besser produziert wird. Er beginnt sein Buch mit einigen Rückblicken auf gemeinsame Familienessen in seiner Kindheit bei seiner Oma, um dann zu seiner Motivation für all seine Recherchen überzugehen: die Geburt seines Sohnes und die Frage, wie dieser ernährt werden soll. Zu Anfang ist das Buch oft sehr philosophisch, was sich nicht immer flüssig lesen lässt. Foer stellt viele grundlegende Fragen zur Thematik, z.B. warum Menschen Tiere essen oder auch, warum wir bestimmte Tiere gedankenlos verzehren, aber etwa bei Hunden Ausnahmen machen, oder inwiefern Tiere Schmerzen spüren. Außerdem werden viele Begriffe, die rund um das Thema „Tiere essen“ eine Rolle spielen, erläutert, die bereits einen guten Überblick geben, was alles verkehrt läuft. Die weiteren Kapitel behandeln eindringlich die Haltung und Schlachtung in der industriellen Tierhaltung, durch die zumindest in den USA 99% des gesamten Fleisches produziert wird. Insbesondere über den Ablauf der industriellen Schlachtung erfährt man sehr viel, die spätere Weiterproduktion kommt leider sehr kurz. Interessant waren auch viele historische Ausführungen, die darstellen, wie Tiere domestiziert wurden, bis hin zur Massentierhaltung im 20. Jahrhundert und damit einhergehenden, immer stärker auftretenden Züchtungen und Eingriffen in das genetische Material der Tiere. Ein Kapitel beschäftigt sich auch sehr intensiv mit zahlreichen Krankheitserregern, die sich in der Massentierhaltung entwickelt haben und mittlerweile oftmals auch von den Tieren auf Menschen übertragen werden können. Ein großer Schwerpunkt bildet zum einen die Geflügelproduktion (vor allem Hühner und Truthähne), zum anderen wird auch auf die Schlachtung von Schweinen und auf Fischfang und Kühe eingegangen. Vor jedem Kapitel wird außerdem knapp auf Auswirkungen unseres übermäßigen Fleischkonsums auf Menschen, Tiere, Umwelt und Klima eingegangen, zum Teil auch bildlich (zumindest in der englischen Ausgabe, die ich gelesen habe), indem etwa der Platz, den eine Legehenne in einer Legebatterie hat, dargestellt. Die Folgen unserer Fleischproduktion auf das Klima kamen mir aber insgesamt viel zu kurz, aber Foer geht es schließlich auch vor allem um das Tierwohl.
Nachdem ich mich aber ein wenig durch die sehr philosophischen Überlegungen schleppen musste, bekam ich ein sehr schockierendes, aber auch sehr abgewogenes Buch geboten, das versucht, alle Seiten der Thematik zu beleuchten und zu Wort kommen zu lassen. Foer begleitet zwar eine Aktivistin heimlich auf eine Truthahnfarm und besucht „traditionelle“ Bauern, die Tiere noch artgerecht halten oder gar keine Tiere haben, und einen der wenigen noch unabhängigen Schlachtungsbetriebe in den USA, der nicht zu einem Riesenkonzern gehört, doch genauso kommen andere Akteure in der Produktion zu Wort, wie z. B. ein Farmer, der in einem Massentierbetrieb arbeitet. Foers kritische Meinung wird durchweg deutlich, er ernährt sich mittlerweile vegetarisch, doch er nutzt sein Buch nicht, um anderen vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Dies bleibt jedem selbst überlassen, er informiert nur, wie der große Teil unseres Fleisches produziert wird, und wehrt sich dagegen, Tiere nur als Dinge ohne Gefühle und Schmerzempfinden zu betrachten. Dies tut er mit einer sehr lebendigen Sprache, die zum Mitfühlen anregt und einen nicht kalt lässt. Man ist schockiert über die Zustände, auch wenn man wie ich bereits viel darüber gelesen hat, und wünscht sich dann doch ein Umdenken bei den Menschen, die durch ihren zu hohen Fleischverzehr diese Produktionszustände mit verursachen.

Fazit

Foer hat mit „Tiere essen“ ein ganz wichtiges Buch über unseren Fleischkonsum und –verzehr vorgelegt, der sich zwar auf die USA bezieht, aber in weiten Teilen auch auf die EU übertragbar ist. Mich hat das Buch weiter darin bestärkt, mich nur vegetarisch zu ernähren, ohne dies anderen vorschreiben zu wollen. Wer Interesse an der Thematik hat, dem sei Foers Werk wärmstens ans Herz gelegt.

4 von 5 Punkten

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