Freitag, 18. November 2016

Rezension: Mary Barton (Elizabeth Gaskell)

Penguin English Library
Taschenbuch, 512 Seiten
ISBN: 978-0141199726
11,10 € (Stand: 18. November 2016)

Ein kurzer Einblick

Manchester zu Beginn der 1840er Jahre: Mary Barton, die früh ihre Mutter und ihren Bruder verloren hat, lebt allein bei ihrem Vater, einem einfachen Arbeiter, der sich in der Gewerkschaft für bessere Arbeitsbedingungen von Arbeitern einsetzt. Er möchte nicht, dass seine Tochter auch in der Fabrik arbeitet, weshalb sie eine Ausbildung zur Näherin beginnt. Sie lernt den Sohn des Arbeitsgebers ihres Vaters, Henry Carson, kennen, der ihr den Hof macht und sie von einem gesicherten und bequemen Leben träumen lässt. Deshalb lehnt sie den Heiratsantrag des Arbeiters Jem Wilson, der Sohn eines Freundes ihres Vaters, ab, den sie seit ihrer Kindheit kennt. Kurz darauf wird Henry niedergeschossen und Jem als Hauptverdächtigter verhaftet…

Bewertung

Bereits die Lektüre von Gaskells späterem Werk „North and South“ und vor allem dann von „Frauen und Töchter“ hat mich neugierig auf den Rest ihrer Bücher gemacht, die in Deutschland etwa im Vergleich zu Jane Austen oder Charlotte Brontë viel zu wenig Beachtung finden. Deshalb nahm ich mir nun ihren Debütroman vor, der 1848 anonym veröffentlicht wurde und schon viele Aspekte thematisiert, die ihr Gesamtwerk prägen. Der Roman stellt zwar noch kein Meisterwerk dar, lesenswert war er aber allemal. Einige Schwächen merkt man ihm aber durchaus an. Zum einen berührte mich das Schicksal der Hauptfiguren kaum, insbesondere mit der Hauptprotagonistin Mary wurde ich lange Zeit nicht warm. Dies mag nicht verwundern angesichts ihrer anfangs doch sehr auf Oberflächlichkeiten ausgerichteten Lebensweise, doch auch später wurde sie mir nie richtig sympathisch. Leider fieberte ich auch mit den anderen Hauptfiguren kaum mit, einzig Marys zeitweise blinde Freundin Margaret und ihr schrulliger Großvater ließen mich nicht kalt. Zum anderen geht der Roman oftmals stark ins Schwülstige und Dramatische, was nicht angenehm zu lesen war und viele Szenen unrealistisch wirken ließ. Dazu passte das zu simple Beinahe-Happy End zum Schluss, womit die Autorin es sich zu einfach machte. Immerhin lasen sich die Kapitel rund um den Prozess von Jem wie ein regelrechter Krimi, dies konnte die oftmals etwas langwierigen und unrealistischen vorherigen Kapitel etwas aufwiegen.
Was Gaskell aber bereits so treffend gelungen ist wie in ihren späteren Werken, das ist die Darstellung der damaligen vorherrschenden Lebensumstände der Industriearbeiter um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie schildert schon sehr abgewogen die Konflikte zwischen Arbeiterschicht und Fabrikbesitzern, wie diese auch durch Missverständnisse verschärft wurden, wie langwierig und meist ernüchternd die Arbeit der Gewerkschaften war, die auch Marys Vater sukzessive zusetzt, und wie sehr die arme Bevölkerung unter schlechten wirtschaftlichen Bedingungen leiden musste. Der Kontrast zum Leben der reichen Fabrikbesitzer wird insbesondere in einer Szene verdeutlicht, als Jems Vater zu Carsons Ansehen geht, um Unterstützung für einen sehr kranken Arbeiter zu erhalten, und mitten in die Vorbereitungen zum Frühstück der Familie durch das Personal platzt, die auch bei schwacher Wirtschaft gesichert dastehen, während die Arbeiter hungern müssen und ihre Kinder nicht ernähren können. In diesen Abschnitten zeigte Gaskell bereits ihr großes Talent und ihr Mitgefühl, das sie zeit ihres Lebens diese Missstände in ihrem Werk eindrucksvoll behandeln ließ.
Leider gibt es von diesem Roman derzeit keine aktuelle deutsche Ausgabe, doch auch die Lektüre auf Englisch kann ich sehr empfehlen. Das Buch ist durchweg verständlich verfasst, auch an die Dialekte der Arbeiterschicht gewöhnt man sich sehr schnell.

Fazit

Ein gelungener Erstlingsroman, der viel vom Talent seiner Verfasserin durchscheinen lässt, wenn er auch noch einige Schwächen aufweist. Er hat durchaus langweilige Passagen und driftet oftmals zu sehr ins Dramatische ab, auch die Figuren berühren den Leser nicht besonders, doch die abgewogene Schilderung des Lebens der Industriearbeiter während der fortschreitenden Industrialisierung macht vieles davon wieder wett. Wer sich für die Thematik interessiert, dem kann ich die Lektüre auf jeden Fall empfehlen.

3,5 von 5 Punkten

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