Sonntag, 13. November 2016

Rezension: Die da kommen (Liz Jensen)

dtv
Taschenbuch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-423-21562-6
9,95 €

eBook, 7,99 €
ISBN: 978-3-423-41866-9

Ein kurzer Einblick

Ein Mädchen tötet seine Großmutter mit einer Nagelpistole. Überall auf der Welt werden ähnliche Fälle gemeldet. In Taipeh begeht jemand Industriesabotage. Überall auf der Welt werden ähnliche Fälle gemeldet. Es gibt keinen direkten Zusammenhang. Nur Hesketh Lock beginnt Linien zu ziehen, die alle in einer Katastrophe enden. Kann Hesketh die Pandemie aufhalten?

Bewertung

Die Zerstörung der menschlichen Spezies erfolgt von innen heraus. Die Zukunft ist der Untergang, das apocalyptische Ende.

Liz Jensens Mystery-Thriller lebt vom Protagonisten Hesketh Lock und der fast surrealen Auflösung einer globalen Pandemie. Aufgebaut ist der Roman auf einer speziellen Sichtweise und Elementen vieler Genre: Thriller, Krimi, Horror, Science-Fiction. Doch zunächst verschließt sich der Roman vor dem Leser, bevor mehr und mehr Puzzleteile zusammengefügt werden und ein Schreckensszenario abbilden, das den Untergang der Menschheit heraufbeschwört.

Hesketh Lock leidet am Asperger-Syndrom. Er sammelt Wörterbücher, ist Anthropologe und arbeitet für die Anwaltskanzlei Phipps & Wexman. Seine Behinderung macht ihn zum Mann der Stunde, wenn es darum geht, Verhaltensmuster zu erkennen. Er entdeckt Zusammenhänge dort, wo andere nicht einmal suchen. Hesketh Locks Sicht ist distanziert und rational, bisweilen wissenschaftlich fundiert. Emotionale Beziehungen aufzubauen fallen ihm schwer. Seine Sicht ist es auch, aus der wir den Roman erleben. Zwar wird der Charakter durch die spezielle Sichtweise schwer greifbar, doch erhält die Story zugleich eine ganz besondere Note, die »Die da kommen« erst zu dem Roman macht, der er ist. Die Rationalität macht das Grundkonzept glaubbar, nimmt den Aspekt des mysteriösen und verankert ihn als Konstante in der physischen Welt.

Ein kleines Mädchen ermordet seine Großmutter mit einer Nagelpistole. In Taipeh, Dubai, Schweden kommt es zu Industriesabotage. Überall auf der Welt häufen sich die Meldungen. Doch wo ist der Zusammenhang zwischen der Sabotage an der Weltwirtschaft und den Morden durch Kinder? Die Autorin vermischt Thriller mit Mythologie, bettet den Roman in einen Mysterykontext und zeichnet die Verbindungslinien nach und nach klarer. »Die da kommen« funktioniert nicht als Thriller. »Die da kommen« funktioniert nicht als Krimi. »Die da kommen« funktioniert nicht als Horror. »Die da kommen« funktioniert nur in der Gesamtheit aus allen Genreanleihen und vornehmlich Hesketh Lock. Immer mehr driftet die Geschichte in ein postapocalyptisches Science-Fiction-Szenario ab, das leider doch zu sehr an den Haaren herbeigezogen ist. Es ist ein absolut hervorragendes Finale, doch fehlt hier die analytische Grundlage Locks. Vermutlich wollte Liz Jensen das Ende so schwer erfassbar umsetzen, das gerade durch Hesketh die Tragweite so düster ausfällt. In seiner Schnelligkeit bricht das Finale jedoch mit der Erzählstruktur, dem glaubbar gemachten Unglaubbaren. Für eine überzeugende Auflösung hätte die Autorin entweder eine rational greifbare Lösung bieten oder das Finale sanfter vorbereiten müssen, anstatt abrupt einzuleiten.

Fazit

Hesketh Locks Sichtweise, glaubhaft untermauert durch das Asperger-Syndrom, erlaubt »Die da kommen« aus einer rational erfassbaren Sichtweise zu erzählen. Mythologien werden zur erklärbaren Größe. An genau diesem Punkt versagt das Finale und hinterlässt lediglich ein düsteres Endzeit-Szenario, das einmal nicht aus einer Infektion oder globalen Naturkatastrophe erwächst.

4 von 5 Punkten

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