Montag, 14. November 2016

Rezension: Der Karussellkönig (Fabienne Siegmund & Tatjana Kirsten)

Verlag Torsten Low
Softcover, 100 Seiten
ISBN: 978-3-940036-36-0
14,99 €

Ein kurzer Einblick

Lili ist der einzige Mensch, der Mina geblieben ist. Der Krieg fordert viele Leben. Sie glaubt nicht, dass ihre Freundin einfach fort ist und begibt sich auf die Suche. Sie erfährt, dass Lili beim Karussellkönig sei, gefangen in einem Karussell aus Mondlicht, in einer ewigen Nacht verhüllt. Hoffnung und Entsetzen - die Geschichte des Karussells ist düster, Lilis Rettung erfordert den Mut eines Menschen, der innerlich aufgegeben hat.

Bewertung

»Der Karussellkönig« ist ein Kleinod unter den Geschichten. Doch zunächst ein paar nüchterne Fakten: Die Graphic Novel ist mit mehr als 60 Illustrationen von Tatjana Kirsten ausgestattet, von Fabienne Sigismund geschrieben und mit einem Vorwort von Christoph Marzi versehen.

Vorneweg sei gleich gesagt, dass der Leser sich auf die Geschichte einlassen, in sie regelrecht abtauchen, versinken muss, damit Wort und Bild ihre volle Kraft entfalten können. Es ist ein Märchen für Erwachsene. Trauer, Sehnsucht, Liebe, Hoffnung tanzen einen Reigen in einer Welt, die vom Krieg erschüttert ist, die vom Karusselkönig am Leben erhalten wird. Eigentlich sind es zwei Welten: Die physische vom Krieg zerrüttete und die Traumwelt des Karussells. Eine betörende Melodie ruft Kinder und Träumer dorthin, nicht eines kehrt zurück. So auch Mina Drawens Freundin Lili. Minas schmerz und Sehnsucht nach ihrer Freundin sind so groß, dass sie sich auf die Suche begibt.

Traumhaft schön erstrahlt das Kettenkarussell in der Nacht, grausam unbarmherzig erwacht es zu diabolischem Leben. Die Stimmung ist düster, die Stimmung ist hoffnungsvoll, die Stimmung beherbergt so viel. In einheitlicher Schwarzweißoptik erglüht die Geschichte in unzähligen Illustrationen zu strahlendem Glanz, getrieben von der melancholischen Erzählstimme. Schatten und Licht, Hoffnung und Verderben, Träume und Wirklichkeit. Minas Suche nach Lili ist herzergreifend erzählt. Zugleich erzählt eine schweigende Stimme eine viel größere Geschichte. Die Vielschichtigkeit, die zwischen den Zeilen mitschwingt, muss nicht in Worte gefasst werden, um sie zu begreifen. Man muss sich nur auf sie einlassen. Obwohl das Rätsel, die Bestimmung, die Herkunft des Kettenkarussells und des Königs aufgelöst werden, ist es nur eine Geschichte von vielen, eine Interpretation von möglichen. Es sei empfohlen die Nüchternheit über Bord zu werfen und die Träume willkommen zu heißen.

Fazit

»Der Karussellkönig« ist ein Kleinod für den gemütlichen Abend. Schnell ausgelesen, ist es doch bezaubernder als mancher dicker Schmöker. Trauer, Sehnsucht, Liebe, Hoffnung berühren, beängstigen, bescheren ein traumhaft verwunschenes Leseerlebnis. Lasst euch auf Minas verzweifelte Suche nach Lili ein und ihr werdet tausend Geschichten lesen.

5 von 5 Punkten

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