Montag, 7. November 2016

Legimus trifft... die Frankfurter Buchmesse

Liebe Leserinnen und Leser,

Sascha hatte euch ja bereits Mitte Oktober über die größte Buchmesse weltweit in Frankfurt am Main informiert, die vom 19. bis 23. Oktober 2016 statt fand und am Samstag und Sonntag auch für Privatbesucher geöffnet war. Nachdem ich bereits im März die Leipziger Buchmesse besucht hatte, wollte ich mir diese Messe nun auch nicht entgehen und mich von all den Verlagen über all die Neuheiten rund ums Thema Buch informieren lassen.
Die Messe konzentrierte sich auf dem Frankfurter Messegelände ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs auf fünf Hallen, die um einen Außenbereich, der vor allem mit zahlreichen Essensständen ausgestattet war, angeordnet sind. Im sogenannten Forum waren einerseits die ARD und andererseits der Ehrengast der Buchmesse, Flandern und die Niederlande, untergebracht. Halle 3 beherbergte die ganzen großen Publikumsverlage wie auch den Bereich Kinderbuch und Touristik. Halle 4 war vor allem internationalen Verlagen und den Bereichen Kunst und Wissenschaft vorbehalten. In Halle 5 und 6 versammelten sich weiterhin viele ausländische Verlage, dort kamen wir aber gar nicht mehr hin, da es bereits in den anderen Hallen so viel zu sehen gab.

Wir starteten am Samstag zunächst in Halle 3, die sich auf zwei Etagen verteilte. All die großen Belletristikverlage stellten dort viele Neuerscheinungen, aber auch ältere Bestseller aus. Den Carlsenstand z.B. konnte man überhaupt nicht übersehen, über ihm hing ein Riesenexemplar des neuesten Werkes aus der Harry Potter-Reihe, das auch ansonsten den Stand dominierte. An einem Lesepult vor einem großen Coverfoto des Buches lag ein extragroßes Leseexemplar von „Harry Potter und das verwunschene Kind“, um das sich bereits zahlreiche Kinder tummelten. Generell wurde es immer voller in den Hallen. Wer meinen Beitrag zur Leipziger Buchmesse gelesen hat, kann sich vielleicht noch erinnern, wie anstrengend die Massen an Menschen und der von ihnen verursachte Geräuschpegel mit der Zeit wurden, doch in Frankfurt, obwohl sich hier wahrscheinlich noch deutlich mehr Menschen aufhielten, war dies weniger stressig. Vielleicht verteilten sich die Leute aufgrund der Größe des Geländes besser oder die Hallen fingen die Geräusche nicht so sehr auf, wie dem auch sei, man war einfach am Ende des Tages nicht völlig erschlagen.

Nachdem wir uns bereits zahlreiche Stände angesehen hatten, gingen wir nun erst einmal zu einer Lesung, und zwar am FAZ-Stand, wo Eugen Ruge im Gespräch mit dem FAZ-Redakteur Thomas Thiel seinen neuen Roman „Follower“ vorstellte. Thiel gab uns zunächst einige Informationen über Ruges Leben, der eigentlich Mathematiker ist, und sprach kurz über dessen Werk „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, das Ruge bekannt machte und ihm zahlreiche Literaturpreise einbrachte. Dann kamen sie näher auf sein neuestes Buch zu sprechen, das in der Zukunft, genauer gesagt im Jahr 2055 spielt und sich mit der digitalen Welt auseinandersetzt. Ruge wurde nach seinen Erfahrungen mit der digitalen Welt gefragt, der er grundsätzlich nicht negativ gegenüber steht, deren Einfluss auf unseren Alltag und unser Berufsleben und die totale Überwachung, die dadurch möglich wird und gegen die auch sein Romanheld ankämpft, er aber kritisiert. Die Wirklichkeit sei deutlich besser als künstliche Welten. Er wies auch darauf hin, dass der Roman in Verbindung zu seinem großen Erfolg „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ steht, der Hauptprotagonist ist ein Enkel von Alex. Zum Abschluss des Gesprächs, das ein wenig zu sehr von Herrn Thiel dominiert wurde, der sich deutlich kürzer hätte fassen können, konnten sich die Zuschauer noch den Roman signieren lassen und kurz ins Gespräch mit Ruge kommen, der durchweg angenehm und sympathisch wirkte.
Wir hatten jedoch nicht lange Zeit zu verweilen, denn wir wollten im Anschluss zum Gespräch von Andrew Ranicki, Sohn von Marcel Reich-Ranicki, mit dem SPIEGEL-Autor Volker Hage. Auf dem Weg kamen wir noch bei der Signierstunde vom schwedischen Autor Arne Dahl beim Piper-Stand vorbei und konnten einen Blick auf Oliver Geissen erhaschen, der gerade ein Interview über sein neues Buch „Kokostee“ gab. Das Gespräch von Andrew Ranicki sollte sich vor allem um die aktuelle Biografie über seinen Vater von Uwe Wittstock drehen, zuerst sprachen Ranicki und Hage aber über Ranicki selbst, der auch Mathematiker ist und etwa zehn mathematische Werke verfasst hat, und seine Jugend in Hamburg, als sein Vater bei der ZEIT arbeitete, dem er das viele Lesen, nicht nur von mathematischen Büchern verdanke. Nach der potentiellen Reaktion seines Vaters auf die Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan in diesem Jahr gefragt, antwortete Ranicki sehr diplomatisch, dieser habe sicherlich keine Lieder von Dylan gekannt. Beide sprachen daraufhin stärker über Reich-Ranickis autobiografische Werke und wie sein Sohn darin einiges über das Leben seines Vater erfahren hat, über das in der Familie wenig gesprochen wurde, etwa der Alltag im Warschauer Ghetto. Danach verließen wir jedoch bereits den Stand, um noch rechtzeitig zum Vorwärts-Stand zu kommen, an dem eine Diskussion zum neuen Buch „Die Akte Rosenburg: Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Zeit“ des Historikers Manfred Görtemaker statt finden sollte, der genauso wie Justizminister Heiko Maas teilnahm. Diese gaben aber zunächst wieder nur die gängigen Floskeln, die man ständig bei Gesprächen über den Nationalsozialismus hört, wieder, brachten übermäßig ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, dass nach dem Krieg sehr viele Juristen, die eine intensive NS-Vergangenheit hatten, in ihren Positionen blieben, was auf alle Berufsbereiche zutraf und kein Geheimnis ist, so dass wir nicht lange blieben, auch da der Stand völlig überlaufen war. Wir quetschten uns lieber an den zahlreichen Bodyguards vorbei und gingen zunächst in den Außenbereich, um etwas frische Luft zu tanken und etwas zu essen. Dieses war ähnlich schlecht wie in Leipzig, es waren eben die üblichen Essensstände vertreten, mit dem gängigen Einerlei, das man auf solchen Veranstaltungen angeboten bekommt: Pizza, Döner, Crepes, Eis usw. Dafür konnte man auch wie in Leipzig wieder zahlreiche Jugendliche beobachten, die in teils sehr aufwändigen Kostümen ihrer Lieblingsmangafiguren herumliefen.
Danach sahen wir uns Halle 4 genauer an, wo deutlich weniger Menschen anzutreffen waren, vor allem im Bereich der asiatischen Verlage. Auf der oberen Ebene waren vor allem Wissenschafts- und Bildungsverlage vertreten, in der Mitte der gesamte Kunstbereich mit Kalendern und einem besonders hervorzuhebenen Stand: der von Bernhard Siller, der tolle, handgefertigte Buchstützen herstellt, die zahlreiche Autoren, aber auch andere bekannte Persönlichkeiten in Karikaturform darstellen. Wir deckten uns direkt mit Jane Austen-, Carl Friedrich Gauß- und Astrid Lindgren-Buchstützen ein, um danach noch zum arte-Stand zu gehen, an dem ein Gespräch über Hans Fallada geplant war. Dieses fand zwischen dem Filmautor Christoph Weinert, der arte-Mitarbeiterin Ulrike Dotzer, die gemeinsam die Fallada-Dokumentation „Im Rausch des Schreibens“ entwickelt haben, und der Lektorin Nele Holdack vom Aufbau-Verlag, die für Hans Fallada im Verlag zuständig ist, statt. Zunächst konnten wir kurz in die Doku hineingucken, wobei der Ton leider kaum funktionierte, und es wurde kurz auf den Fallada-Darsteller Michael Schenk eingegangen, der die Rolle spielte, da sein Gesicht in die damalige Zeit passe, wie Weinert sich ausdrückte. Danach konzentrierte sich das Gespräch auf Falladas anhaltenden Erfolg, vor allem in England, und die damit verbundenen Neuauflagen, die vom Aufbau-Verlag nach und nach herausgegeben wurden. Mit „Jeder stirbt für sich allein“ wurde begonnen, bis zuletzt die ungekürzte Neuauflage von „Kleiner Mann – was nun?“ erschien, die 1932 stark gekürzt veröffentlicht wurde, zu einer Zeit, als sowohl Fallada, als auch sein Verlag Rowohlt pleite waren, wie Holdack erläuterte, die auch immer wieder interessante Einblicke in die Verlagsarbeit gab, etwa welche Überlegungen hinter Textkürzungen stecken können. Ferner sprachen die drei über Falladas Rezeption nach dem Krieg, wie dieser in der DDR viel lieber gelesen wurde, in der BRD weniger, auch da er kein „Protestautor“ gewesen sei, da er während des Nationalsozialismus in Deutschland geblieben war. Nach dem Gespräch konnte man die Dokumentation noch ansehen, wir machten uns jedoch auf den Weg zum Hotel, um umso gestärkter am Sonntag noch einmal die Messe zu besuchen.
Diese stellte sich am folgenden Tag dann minimal leerer dar, wirklich entspanntes Bücherstöbern war aber immer noch nicht möglich. Wir sahen uns zunächst die Random House-Ecke mit all ihren Verlagen an, die wir am Samstag nur ganz kurz hatten besichtigen können. Außerdem machten wir uns noch zum Diogenes-Stand auf, wo Benedict Wells seinen Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ signierte. Meine Ausgabe des Buches hatte ich allerdings zu Hause gelassen, was ich aufgrund des enormen Andrangs auch nicht bereute. Wells nahm sich aber wirklich auch extra Zeit für jeden Leser und wirkte von Anfang an sehr entspannt und freundlich. Zum Abschluss besuchten wir noch die Litcam der DFB-Kulturstiftung, wo auch die Meisterschale ausgestellt wurde. Wir hörten noch in das Gespräch über den niederländischen Fußballstar Johan Cruyff zwischen Bernd Beyer, der als Lektor im Verlag Die Werkstatt arbeitet, und Dietrich Schulze-Marmeling, Autor des Buches „Der König und sein Spiel“ über Cruyff, hinein, die vor allem Cruyffs Kindheit und Jugend als Straßenkicker und seine Nähe zu Ajax Amsterdam thematisierten. In der Folge machten wir uns langsam auf den Heimweg, nach anderthalb Tagen nur auf der Buchmesse war etwas Ruhe dann doch wieder schön. ;-) Wir haben aber wirklich zwei spannende und informative Tage voll mit tollen Neuerscheinungen, allbekannten Werken, netten Autoren und originellen Buchstützen erlebt, die mir dann doch deutlich besser als in Leipzig gefallen haben. Ich kann jedem nur empfehlen, mindestens einmal die Frankfurter Buchmesse zu besuchen, ich werde auf jeden Fall wieder hinfahren.

Eure Kim

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