Sonntag, 20. November 2016

Filmkritik: Jeder stirbt für sich allein (2016)


Letzten Donnerstag lief eine Neuverfilmung des Hans Fallada-Klassikers „Jeder stirbt für sich allein“ in den deutschen Kinos an, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Er spielt im Berlin des Jahres 1940 in der Jablonskistraße 55: die Bewohner verdeutlichen einen Querschnitt der Bevölkerung: ein Blockwart, eine versteckte Jüdin, ein Denunziant, ein Hitlerjunge, eine Briefträgerin, ein ehemaliger Richter und das Arbeiterehepaar Otto (Brendan Gleeson) und Anna Quangel (Emma Thompson). Als ihr einziger Sohn Hans (Louis Hofmann) an der Front stirbt, fängt Otto mit Unterstützung seiner Frau an, die Nazidiktatur zu bekämpfen: sie schreiben Botschaften auf einfache Postkarten wie etwa einen Aufruf zum Widerstand oder eine Forderung nach Pressefreiheit und legen diese aus. Ihre Rebellion führt sie nach langer Entfremdung wieder zusammen, doch der Kommissar Escherich (Daniel Brühl) ist ihnen bereits auf den Fersen, gehetzt von der Gestapo, die schnelle Ergebnisse sehen will…

Es ist ein paar Jahre her, dass ich die Buchvorlage zum Film gelesen habe. Diese war jedoch wirklich eins der besten Bücher, die ich je gelesen habe, so dass ich direkt letzten Donnerstag ins Kino musste, um die aktuelle Verfilmung (es gibt, glaube ich, bereits vier ältere Filme zum Roman) anzusehen, über die ich allerdings bereits ein paar negative Kritiken gelesen hatte. Da die Lektüre des Romans wie gesagt etwas her ist, kann ich mich nicht mehr genau an die Details der Handlung erinnern, doch im Großen und Ganzen folgt der Film seiner Buchvorlage doch recht genau. Er konzentriert sich jedoch sehr stark auf die Geschichte der Quangels, die anderen Bewohner des Hauses spielen meist nur zu Beginn eine gewisse Rolle, während andere Figuren wie Hans’ Freundin gar nicht vorkommen und man auch gar nicht zum Schluss erfährt, was aus den sonstigen Bewohnern geworden ist. Vor allem gegen Ende, die gesamte Verhaftungszeit mit Prozess wurde sehr abgehackt, generell kommt der Abschluss des Films sehr abrupt und lässt vieles vom Buch weg, ansonsten ist die Verfilmung von der Haupthandlung her aber sehr nah an der Romanvorlage, wenn sie durch die Weglassung einiger Figuren auch etwas einseitiger daherkommt.
Auch sonst bleibt die Handlung ein wenig eindimensional, wenn ich auch die ziemlich negativen Besprechungen nicht komplett nachvollziehen kann. Ich würde den Film ebenso nicht als wirklich gelungen darstellen, doch die Haupthandlung um die Quangels und ihren Schmerz über den Verlust ihres Sohnes sowie der daraus resultierende Versuch eines Widerstands gegen die Nazidiktatur wird gut herausgestellt. Dies liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern, Brendan Gleeson und Emma Thompson, die ihren Figuren, soweit dies innerhalb des Drehbuchs möglich war, viel Tiefe und Wärme verleihen. Insbesondere Ottos Schmerz über den Tod seines einzigen Sohnes nahm man Gleeson komplett ab, ohne dass Worte oder Tränen wie bei Anna nötig waren. Auch Daniel Brühl stellte den Konflikt seiner Figur zwischen Gehorsam und Karrieredenken auf der einen und seinem Gewissen und seiner Auffassung von Gerechtigkeit auf der anderen Seite überzeugend dar. Leider gab die oftmals zu simple Handlung ihnen keine Möglichkeit, emotional an das enorm berührende Buch heranzukommen. Spannend zu verfolgen war die Verfilmung durch die Nachforschungen der Polizei, die den Quangels immer stärker auf die Schliche kommen, aber allemal, mit der Emotionalität des Romans und der abgewogenen Darstellung des Umgangs mit der Diktatur durch verschiedene Bevölkerungsschichten, die im Film nur ansatzweise vorkommt, kann die Verfilmung jedoch nicht mithalten.

Fazit

Nach der tollen Buchvorlage hatte ich schon mehr von diesem Film erwartet. Er ist allerdings auch nicht so schlecht, wie die Kritiken ihn bewerten. Zumindest sind die Hauptrollen mit sehr guten, einfühlsam spielenden Schauspielern besetzt, die Handlung ist spannend und bietet im Ansatz viele Anstöße, sich stärker mit den Konflikten und Problemen der Menschen während der Nazidiktatur zu beschäftigen. Diese bleiben leider eher oberflächlich und kommen niemals an Falladas berührende Herausstellung des Konflikts zwischen Gewissen und Moral gegen blinden Gehorsam in einer Zeit voller Willkür und ohne Recht heran, misslungen ist die Verfilmung aber keineswegs. Die Handlung um Otto und Anna empfand ich als treffend wiedergegeben, was ein wenig über die Schwächen hinwegtröstet.

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