Sonntag, 23. Oktober 2016

Rezension: SPQR (Mary Beard)

Fischer Verlag
Hardcover, 656 Seiten
ISBN: 978-3-10-002230-1
28,00 €

Ein kurzer Einblick

Die angesehene englische Althistorikerin Mary Beard, die an der Cambridge University wirkt, hat eine neue große Geschichte des Römischen Reiches vorgelegt. Darin erzählt sie uns von der Entwicklung des Stadtstaates Roms zu einem riesigen Weltreich, lässt uns Kriege und Intrigen, aber auch den römischen Alltag der bildungsfernen Schichten hautnah miterleben. Sie hinterfragt gängige Forschungsmeinungen, kommt mitunter zu überraschenden Ergebnissen, lässt aber auch nicht aus den Augen, wie die Bewohner ihr Reich und seine Geschichte sahen. Bildlich untermauert werden ihre Ausführungen zudem mit unzähligen Abbildungen.

Bewertung

Für regelmäßige Leser unseres Blogs dürfte bekannt sein, dass ich in letzter Zeit viel von Mary Beard gelesen habe, da durfte ihr neuestes Werk natürlich nicht fehlen, das sich mit den Ursprüngen des Römischen Reiches bis hin zum Jahr 212 n. Chr., als unter Caracalla alle freien Bewohner des Reiches das volle römische Bürgerrecht bekamen, beschäftigt. Genauso unkonventionell, wie diese gewählte Epochengrenze dies bereits andeutet, baut Beard ihr gesamtes Buch auf. Es setzt nicht bei den Ursprüngen der Stadt Rom ein, sondern im ersten Jahrhundert v. Chr. mit Cicero, um zunächst in den Blick zu nehmen, wie sich die Römer selbst mit ihrer Geschichte auseinandersetzten. Danach verläuft das Werk meist chronologisch, die wenig bekannten Informationen zur frühen Entwicklung Roms und die mythischen Vorstellungen dazu werden erläutert, wie auch Roms allmählicher Aufstieg zur wichtigsten Macht in Italien und schließlich im Mittelmeerraum bis hin zum Untergang der Republik und zur Entwicklung des Prinzipats unter Augustus. Es folgt die Weiterentwicklung des Prinzipats bis hin zu Caracalla, wo Beard den Schlusspunkt ihres Buches setzt, der mir nicht immer schlüssig erschien, aber gerade über Epocheneinschnitte lässt sich immer gut streiten.
Wer bei diesen Ausführungen jedoch eine klassische Zusammenfassung der Geschichte Roms, die sich vor allem an der politischen Geschichte orientiert, erwartet, der liegt falsch. Beard behandelt diese natürlich, auch oft sehr ausführlich, doch genauso werden Bereiche wie Religion, Wirtschaft, Heirat, Geburt, Tod, Sklaven und auch die Lebensumstände der armen Bevölkerung dargestellt. Außerdem wird die Entwicklung Roms nicht einfach chronologisch, Jahr für Jahr nacherzählt, wichtige politische Ereignisse aneinandergereiht und bekannte Personen erläutert, vielmehr untersucht Beard die großen Strukturen und Entwicklungen, die sich z.B. durch die Kaiserzeit ziehen, nicht so sehr jeden Herrscher und seine Regierungszeit. Vielmals stellt sie dabei gängige Forschungsmeinungen oder auch bei uns in der Öffentlichkeit vorhandene Vorstellungen zur römischen Geschichte infrage und räumt mit vielen Mythen auf, die sich immer noch hartnäckig halten. Ihre Ausführungen sind auch viel lebensnaher als in anderen Überblickswerken, da eben immer versucht wird, alle Schichten der Bevölkerung zu untersuchen und eben viele Lebensbereiche fern von der Politik behandelt werden. Wer also einen allgemeinen Überblick zur Geschichte Roms sucht, der sich an politischen Ereignissen und Daten orientiert, ist hier auf jeden Fall falsch. Man braucht durchaus Vorwissen, da Ereignisse, Personen etc. nicht ausführlich erläutert werden, zum Einstieg in die Thematik würde ich das Buch nicht empfehlen. Ansonsten ist es aber sehr lesenswert, zumal es spannend wie ein Roman geschrieben ist, so dass die Lektüre niemals trocken oder langweilig wird.
Ich selbst habe die Originalausgabe gelesen, weiß also nicht, ob die zahlreichen Abbildungen, mit denen Beard ihre Aussagen immer wieder untermauert, auch in der deutschen Ausgabe vorhanden sind, gehe aber davon aus. Ebenso werden vermutlich auch die Unmengen an Literaturangaben im Anhang mit übernommen worden sein. Generell würde ich auch eher die englische Ausgabe empfehlen, denn Beard schreibt in einem sehr ansprechenden britischen Englisch, dem gut zu folgen und das oftmals von herrlichem britischen Humor gespickt ist.

Fazit

Wer einen etwas anderen Blick auf die Geschichte Roms werfen möchte, ist bei diesem Buch genau richtig. Es distanziert sich deutlich von den gängigen Überblicksdarstellungen, indem es den Fokus nicht zu sehr auf die politische Geschichte legt und den Leser viel stärker in die damalige Zeit zurückversetzt. Mir fehlten dann doch einige wichtige Entwicklungen, die nur am Rande erwähnt wurden, um vollends zufrieden zu sein, doch wahrscheinlich bin ich einfach auch zu sehr an die sonstigen Überblickswerke zur römischen Geschichte gewohnt.

4 von 5 Punkten

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