Montag, 10. Oktober 2016

Rezension: Maschinenmann (Max Barry)

Heyne Hardcore
Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-453-26797-8
14,99 €

eBook, 8,99 €
ISBN: 978-3-641-07343-5

Ein kurzer Einblick

Charlie Neumann verliert ein Bein. Als Ingenieur und Wissenschaftler sieht er darin eine Herausforderung. Der Körper ist verbesserungswürdig - deutlich! Eine hochkomplexe Prothese ersetzt sein Bein. Was ist mit seinen Händen? Sie sind praktisch, aber motorisch einschränkend. Sie zittern, sie sind empfindlich. Eine Prothese ersetzt sie schon bald. Wo liegt die Grenze? Wann triumphiert die Maschine über die körperliche Perfektion? Charlie Neumann muss es am bitteren Leib erfahren.

Bewertung

Kennt ihr das? Gerade noch lag das Smartphone neben euch und plötzlich ist es weg? Verzweifelt sucht ihr nach dem technischen Gadget, als ob euer Leben davon abhinge. Das Smartphone ist eine Spielerei, die uns abhängig macht. Ins Internet gehen, den Routenplaner nutzen, Informationen basierend auf euren Interessen von Google erhalten. Die Bequemlichkeit ist groß geworden und wird mit jeder neuen Funktionalität der Alleskönner-PCs im Taschenformat immer größer. Warum sollten wir uns Termine merken, wenn der Kalender in der Hosentasche die Aufgabe viel besser übernehmen kann? Genau darüber, nur zehn Schritte weitergedacht, inszeniert Max Barry einen Technik-Thriller, der nachdenklichen Art.

Charlie Neumann ist Ingenieur bei Better Future. Bei einem Arbeitsunfall verliert er in einer Metallzwinge sein Bein. Von der Prothetikerin Lola erhält Charlie eine Prothese. Ungenügend und kaum ein Ersatz für sein fleischliches Bein, baut Neumann seine eigene Prothese. Sie muss das alte Bein nicht nur ersetzen können, sondern in jeder Funktion toppen. Warum sollte es nur laufen können, wenn es selbstständig agieren könnte? Warum sollte der Mensch sich noch mit Belanglosigkeiten des Laufens beschäftigen, wenn ein neuronaler Impuls als Ausgangszustand ausreicht? In jeder Beziehung ist der Mensch ein zu verbessernder Fleischsack. Als die Firma seine Experimente entdeckt, steht sie vollkommen hinter dem innovativen Ingenieur. Sie wittert Profit und das Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt für Ersatzkörperteile.

Max Barry nimmt in seinen Romanen Wirtschafts- und Unternehmensstrukturen auf’s Korn. Während »Logoland« und »Chefsache« die globalen Strukturen bzw. die internen Vorgänge satirisch unterhaltend auseinandernahmen, dringt der Autor nun tiefer vor. Barry nimmt den einzelnen Mitarbeiter und seine Abteilung und bettet sie in den Gesamtkontext des Unternehmens. Charlie Neumann will eigentlich nur eigene Unzulänglichkeiten verbessern. Das Unternehmen jedoch ist der Einzelne egal. Damit ist kein Profit zu machen. Better Future nutzt die Einfältigkeit Neumanns aus und schmiedet im Hintergrund große Pläne. Zahnprothesen kann jeder herstellen. Aber Körperteile, die mehr als ein Ersatz sind? Better Future sieht die Chance den Markt zu beherrschen. Welche Armee der Welt würde keine Millionen zahlen, um die besseren Soldaten in die Schlacht zu schicken? Willkommen in der Welt der Cyborgs.

In einer einfachen Sprache setzt Max Barry sich mit körperlichen Verbesserungen und deren Vor- und Nachteile auseinander. Ethik, technische Finessen oder Auswirkungen auf den menschlichen Verstand werden gestreift, aber niemals vertieft. Viele Ideen und Gedanken werden ausgebreitet, aber nicht beantwortet. Letzteres mag tatsächlich unmöglich sein, dringt der Autor doch in Bereiche vor die vielleicht erst in Jahrzehnten Wirklichkeit werden. Die ein oder andere Ausführung hätte den Roman aber auf eine Basis heben können, die die Ebene des Satire-Thrillers verlässt, verbessert und damit ein einmaliges Leseerlebnis liefert. Die Ansätze von Ethik und Auswirkungen auf den Menschen sind interessant, aber nicht mehr. Anstatt etwas tiefer zu forschen, wirft Max Barry nur Fragen wie »Wer kontrolliert wen?« oder »Wie verändert sich der menschliche Geist mit technischen Körperteilen?« in den Raum. Fragen werden auf Basis der Story geliefert, aber deren Vielfältigkeit außen vor gelassen. Neben den menschlichen und ethischen Themen, führt Max Barry natürlich auch Themen wie Fortschritt versus Profit, Perfektion versus menschliche Unzulänglichkeit oder Innovation versus Grenzüberschreitung an, um die Kurve zur thematischen Grundlage all seiner bisherigen Roman zu schlagen.

Fazit

Bessere Augen oder bessere Haut? Mit technischer Innovation gibt es keine Grenzen. Doch wo muss diese gezogen werden und wo ziehen Unternehmen diese? Wo endet die Menschlichkeit und wo fangen Experimente am menschlichen Individuum an? Wann nimmt der menschliche Geist schaden? Max Barry wirft viele Fragen auf und bettet diese in einen Cyborg-Thriller der unterhaltsamen Art. Die Fragen werden dabei nur ungenügend beantwortet, meist nur vorsichtig angetastet. Viel lieber legt der Autor den Fokus auf Story und die Ideen, inwieweit der Körper des Menschen verbessert werden kann.

4 von 5 Punkten

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