Montag, 17. Oktober 2016

Rezension: Die heilige Johanna (George Bernard Shaw)

Suhrkamp
Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-518-38361-2
11,00 €


Ein kurzer Einblick

Johanna, Tochter eines französischen Bauern, hört die Stimmen der Heiligen Katharina, der Heiligen Margareta und des Erzengels Michaela. Diese sagen ihr, dass sie Karl, dem Dauphin Frankreichs, helfen soll, König zu werden, indem sie mit seinen Truppen die englische Besatzung vertreibt. Also macht sich Johanna auf den Weg und schafft es sogar, zum Dauphin vorgelassen zu werden. Doch ihr Vorhaben verläuft nicht sehr lange erfolgreich…

Bewertung

Die Geschichte der heiligen Johanna, die auch unter dem Namen Jeanne d´Arc, Johanna von Orleans oder Jungfrau von Orleans bekannt ist, kennen nicht nur den meisten Menschen, sie wurde auch vielfach in Stücken, Büchern und Filmen verarbeitet. Vor Shaw haben sich prominent vor allem William Shakespeare und Friedrich Schiller mit der Figur beschäftigt. Unter anderem von ihnen möchte sich Shaw mit seinem Stück gezielt abgrenzen. Shaw hat die Heiligsprechung Johanna von Orleans‘ 1923 zum Anlass genommen, die Geschichte Johannas historisch korrekt mittels Überlieferungen zu ihrem Leben und Prozessakten aufzuarbeiten sowie häufig Originalzitate in das Stück einzubringen.
Shaw verzichtet bewusst auf das übliche Heldenepos und stellt der „guten“ Johanna keine klassische „böse“ Gegnerfigur entgegen, sondern versucht vielmehr, die Vielschichtigkeit und das Charakteristische der einzelnen Personen herauszuarbeiten. In der traditionellen Drama-Manier besteht das Stück aus sechs Szenen inklusive eines Epilogs, die die bekannte Geschichte Johannas von ihrem Gespräch mit dem Dauphin bis zum Ende ihres Lebens wiedergeben. Dennoch treten in Shaws Stück die Personen um Johanna herum stärker in den Vordergrund und auch die Konsequenzen auf ihre jeweiligen Leben werden in den Fokus gerückt. Shaw versteht sein Stück vielmehr als exakte historische Aufarbeitung und hat es daher wohl auch mit „dramatische Chronik“ überschrieben.
Diese Version des bekannten Stoffes ist in diesem Band vom Verlag durch eine Radioansprache Shaws anlässlich das 500. Todestages Johannas abgerundet wurden, in der Shaw die Aktualität des Stoffes betont. Darüber hinaus enthält dieses Werk in einzigartiger Weise eine „Vorrede zu Die heilige Johanna“, die Shaw selbst (im Nachhinein) seinem Stück vorangestellt hat. Diese umfasst mehr als 70 Seiten, die den Leser mit der Vielschichtigkeit des Stoffes und falschen bzw. kritikwürdigen früheren Auseinandersetzungen und Deutungen konfrontieren. Man muss es Shaw hoch anrechnen, dass er sich so intensiv mit einem historisch weit zurückliegenden Stoff auseinandergesetzt und versucht hat, historisch korrekte Daten zu recherchieren, doch diese Vorrede ist für den Leser nicht nur unverhofft, sondern auch etwas erschlagend. Der Leser, der eigentlich den Beginn eines Stückes erwartet, muss sich hier erst einmal durch diese durchaus klugen, kritischen Gedanken kämpfen und diese verarbeiten, ohne den Inhalt der Geschichte exakt vor Augen zu haben. Zwar führt Shaw hier vieles auf, von dem er sich in seinem Stück abgrenzen wollte, dennoch wäre dies wohl besser in einer Nachrede verpackt, um den unvorbereiteten Leser besser mitnehmen zu können.

Fazit

Shaw hat mit „Die heilige Johanna“ eine neuartige Form von Drama geschaffen, in der er die historischen Ereignisse versucht, exakt zu rekapitulieren und dafür zu Recht den Literaturnobelpreis erhalten. Seine Differenziertheit erlaubt es, aus dem klassischen Schwarz-Weiß-Schema herauszubrechen und stärker die Personen in den Fokus zu rücken. Allerdings erschwert es die Vorrede zum Stück, in dieses hineinzukommen.

3,5 von 5 Punkten

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