Mittwoch, 14. September 2016

Rezension: Drúdir (Swantje Niemann)

CreateSpace Independent Publishing Platform
Taschenbuch, 542 Seiten
ISBN: 978-1537595405
16,04 €

neobooks
eBook, 585 Seiten
ISBN: 978-3-7380-8028-5
4,99 €

Ein kurzer Einblick

Die Magie gehört der Vergangenheit an. Die industrielle Revolution ist auf dem Vormarsch. Die Dampfkraft der Zwerge schwingt sich zur neuen Macht auf. Die Elfen mit ihrer Magie und ihren Künsten haben den Veränderungen wenig entgegenzusetzen. Im politischen Machtgerangel ermittelt der Zwerg Drúdir, um den Tod Fragars aufzudecken. Dafür muss er seine magische Begabung akzeptieren und in Schwarzspiegel, der unterirdischen Seestadt der Zwerge, eine Verschwörung aufdecken, die das Machtgefüge der Welt erschüttern wird.

Bewertung

»Drúdir« ist einer der beeindruckenderen Fantasyromane aus dem bisherigen Jahr 2016. Das liegt nicht nur an der fesselnden Story, sondern weitestgehend auch am Drumherum. Pluspunkte sammelt der Romane viele, Minuspunkte wenige - und diejenigen fallen nebensächlich ins Gewicht. »Drúdir« überrascht mit Kleinigkeiten, aber das sind gerade jene, die im Gedächtnis bleiben. Swantje Niemann gelingt es auf simple, aber effektive Weise die altbekannte Fantasy aufzupeppen und eine eigene Welt zu etablieren. Kiara ist glaubwürdig, anschaulich beschrieben und ertrinkt nicht in fabulierenden, ewig ausschweifenden Beschreibungen. Stattdessen integriert sich der Weltenbau in den Erzählfluss. Ereignisse, Handlung, Politik, Weltenbeschreibung und -geschichte sind sinnvoll ineinander verflochten. Da funktioniert auch das Kopfkino wunderbar. Zwar benötigt der Roman etwas zu lange, um Fahrt aufzunehmen / restlos zu überzeugen, dafür entschädigt die zweite Hälfte des Romans. Bis zum Ende der Geschichte gelingt es der Autorin leider nicht die Gefahr für alle Völker in einem Ausmaß darzustellen, die angsteinflößend ist. Das mag daran liegen, dass die Handlung zu punktuell angelegt ist, sich hauptsächlich auf Schwarzspiegel begrenzt, denn hier entfaltet die Bedrohung eine ernstzunehmende Angst.

Magie gehört der Vergangenheit an. Nun, nicht gänzlich, aber sie ist verpönt. Die Zwerge haben während der Magierkriege schlechte Erfahrungen gesammelt. In der Union ist die Zukunft voll und ganz auf die industrielle Revolution ausgelegt. Maschinen ersetzen die Magie. Magiergruppierungen versammeln sich heimlich. Die Zwerge sind technikaffin, erfinden Dampf- und Flugmaschinen, bauen Unterseeboote und konstruieren Schusswaffen. Für die Elfen ist das ein Grund das Zwergenvolk zu fürchten. Sie sind magietreu geblieben, frönen den schönen Künsten und können der stetig wachsenden Zwergenmacht wenig entgegensetzen. Dies sorgt nicht nur für Zwistigkeiten zwischen den Völkern, sondern wird auch skrupellos von einzelnen, machthungrigen Gruppierungen ausgenutzt. Das ist der perfekte Unterbau für einen Mordfall, in den der Zwerg Drúdir stolpert. 

Drúdir besitzt eine Fähigkeit. Er kann die Scherben der Toten absorbieren und die darin enthaltenen Erinnerungen nacherleben. Er ist magiebegabt, doch unterdrückte er sie, will nichts davon wissen. Zu schmerzlich erinnern ihn vergangene Ereignisse daran, dass das Nachempfinden wie Selbsterleben ist. Um den Mord an seinem Meister Fragar aufzuklären bleibt ihm allerdings nichts anderes übrig als Nekromantie einzusetzen. Vom Eigenbrötler entwickelt Drúdir sich zum sympathischen, aber auch angsteinflößenden, Helden. Ihm zur Seite steht die Polizistin Findra. Vorbehalte gegenüber der Magie mag sie haben, doch insgeheim ist sie von ihr auch ebenso fasziniert. Gemeinsam forschen sie in Schwarzspiegel nach Fragars Mörder und kommen einer gewaltigen Verschwörung auf die Schliche.

Genug von Handlung, Figuren und Weltenbeschreibung. Das klingt doch weitestgehend nach Standardkost. Was macht diesen Roman in Kleinigkeiten so besonders? Fantasy mischt sich mit Steampunk. Ok, Highfantasy verkauft sich besser, aber Steamfantasy als Nischensparte gibt es bereits. Trotzdem verleiht der Mix, gepaart mit Magie, eine spezielle Atmosphäre. Die wirkliche Überraschung aber ist die Magiefähigkeit der Zwerge. Klassischerweise sind doch gerade die Zwerge das Volk, das zu keinerlei Magie fähig ist. In Teilen erinnert mich die Darstellung der Magie an Bernd Perplies »Magierdämmerung«-Trilogie. Die Welt wiederum ließ mich immer wieder Parallelen zu Thomas Plischkes »Die zerrissenen Reiche« ziehen. Das sind Vergleiche, die sich kaum zu verstecken brauchen, ganz im Gegenteil.
Was gäbe es noch? Schwarzweiß gibt es nicht. Jede der Figuren hat seine dunklen und lichten Seiten; ob Held oder Bösewicht, Verschwörungsgrund oder Mordaufklärung. Das optimale, leuchtende Happy End existiert nicht. Drúdir erfährt mit der Nekromantie am eigenen Leib, dass Wissen mit Schmerzen einhergeht. Die Vernichtung der Verschwörung lässt sich nicht ohne Morde bewerkstelligen. Das beste Beispiel für die Vermeidung von Schwarzweiß sind die Drasirai, eine Spezialeinheit der Elfenkönigin. Sie greifen auf Dämonenmagie zurück, schrecken vor Mord und Totschlag nicht zurück - und doch ist ihr Charakter alles andere als finster. Sie mögen wenige Grautöne besitzen, vereinen Schwarz und Weiß in ihrer reinsten Form. Die Drasirai sind das faszinierendste Volk des Romans. Ein eigenständiger Roman hätte eine solide Grundbasis.

Fazit

Magiefähige Zwerge, Steampunk, ein Mordfall inmitten der industriellen Revolution und Dämonenmagie: Was will man mehr? Swantje Niemann erschafft ein faszinierendes Universum, in dem es noch vieles zu entdecken gilt. Macht doch den Anfang mit »Drúdir«, dem Nekromantenzwerg. Erlebt ein Abenteuer, das bekannte Gewässer befährt, aber achtet auf den Sturm, der euch nach und nach an ein unbekanntes Ufer spült.

4 von 5 Punkten

Wir bedanken uns bei Swantje Niemann für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

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