Donnerstag, 1. September 2016

Rezension: Der Überläufer (Siegfried Lenz)

Hoffmann und Campe Verlag
Gebundene Ausgabe, 368 Seiten
ISBN: 978-3-455-40570-5
25,00 €

Ein kurzer Einblick

Siegfried Lenz’ zweiter Roman, bereits 1951 geschrieben, doch erst 2016 veröffentlicht, erzählt vom Wehrmachtssoldaten Walter Proska, der im letzten Kriegssommer 1944 an der Ostfront einer kleinen Armeeeinheit zugeteilt wird, die einen Gleisbereich vor Sabotageakten sichern soll und sich im Wald verschanzt hat. Im ständigen, zermürbenden Kampf gegen Partisanen und die sengende Hitze, bereits zurückgelassen von den eigenen Truppen, leiden die Handvoll Soldaten unter ihrem autoritären Kommandanten und der Sinnlosigkeit ihrer Aufgabe. Proska fragt sich immer mehr, ob er seiner Pflicht oder seinem Gewissen folgen sollte, und sucht nach Wanda, dem Partisanenmädchen, das ihm nach einer kurzen Begegnung nicht mehr aus dem Kopf geht…

Bewertung

Siegfried Lenz hatte diesen Roman bereits kurz nach dem Krieg geschrieben, durch zahlreiche Bedenken und Änderungswünsche seines Verlages konnte man sich jedoch auf keine zu veröffentlichende Fassung einigen, so dass das Werk erst nach seinem Tod herausgegeben wurde. Die genauen Zusammenhänge dazu werden in einem Kommentar am Ende des Buches noch erläutert. Es behandelt durchaus ein kontroverses Thema: Desertion aus der deutschen Wehrmacht und das Überlaufen zum Gegner, in diesem Fall zur Roten Armee, das Lenz auch direkt betraf, der selbst aus der Armee desertierte. Vielleicht auch deshalb gelingt es ihm so gut, dieses Spannungsverhältnis zwischen Pflichtbewusstsein und Gewissen, das zwiespältige öffentliche Ansehen als Verräter oder Richtighandelnder sehr feinfühlig herauszuarbeiten und dabei immer wieder tiefgehende Fragen nach der Schuld, die sich die Soldaten im Krieg aufgeladen hatten und mit der sie nach Kriegsende kämpfen mussten, aufzuwerfen, die einen als Leser sehr zum Nachdenken anregen. Deshalb gefiel mir vor allem der erste Teil, in dem Walter bei der kleinen Einheit dient und sich immer mehr Gedanken über die Sinnlosigkeit des dauerhaften Tötens im Krieg macht, sehr gut. Bis hin zu seiner Entscheidung, die Seiten zu wechseln und von nun an in der russischen Armee zu kämpfen, ist der Roman wirklich packend und sehr spannend zu lesen, insbesondere das Zusammenspiel mit dem teils schon tyrannischen Kommandanten und seinen Soldaten ist sehr überzeugend und oftmals mit makabrem Humor gezeichnet, was dem zweiten Teil leider ein wenig fehlt. Der gesamte Überläuferteil ist verworrener, wirkt abgehackter und nicht so schlüssig durchdacht, wodurch er sich ziemlich zieht und ohne Vorkenntnisse zum Kriegsgeschehen und der Zeit danach hin und wieder unverständlich bleibt. Hier merkt man dem Buch an, das es in den frühen 1950er Jahren geschrieben wurde, wo man dieses Wissen voraussetzen konnte. Heute sollte man sich mit der Entwicklung des Zweiten Weltkriegs schon ein wenig auskennen, um der Handlung komplett folgen zu können.
Was dem Roman leider auch ein wenig fehlt, das ist das Mitgefühl, das man für die Figuren entwickeln kann. Diese lassen einen meist trotz der geschilderten dramatischen Kriegslage eher kalt. Auch die Hauptfigur Walter wirkt irgendwie ziemlich fahl, so dass man keinen großen Anteil an seinem Schicksal nimmt. Seine „Beziehung“ zu Wanda wirkt zudem ziemlich unecht, dort fehlte irgendetwas, man bekam gar nicht das Gefühl, dass beide sich wirklich zueinander hingezogen fühlen. Nur bei einem der Soldaten („Schenkel“), die mit Walter den Gleisabschnitt überwachen, entwickelte sich bei mir so etwas wie Empathie, alle anderen blieben einem leider recht egal. Außerdem kam das Ende dann ziemlich abrupt, viele Handlungsstränge werden gar nicht aufgelöst, was mich als Leser meist eher stört, wobei dies zu diesem Roman passt. Viele Menschen wussten schließlich nach Kriegsende nicht, was aus ihren Familienangehörigen geworden war, und fanden diese oftmals nicht mehr wieder.
Wie oben bereits erwähnt, verfügt das Buch noch über einen abschließenden Kommentar, der die Zusammenhänge rund um die Nichtveröffentlichung in den 50er Jahren erläutert, und über eine Zeittafel zu Siegfried Lenz’ Leben und Werk und zu seinen erhaltenen Ehrungen und Preisen.

Fazit

Ich hatte mir schon ein wenig mehr von diesem Roman erwartet, das muss ich zugeben. Das Buch geht mit seiner Hauptthematik, Schuld und Desertion im Krieg, sehr überzeugend und einfühlsam um, doch nach dem starken ersten Teil folgt leider der schwächere zweite Teil, der zusammen mit den seltsam matt bleibenden Figuren dazu beiträgt, dass man am Ende ein wenig enttäuscht zurückbleibt. Vielleicht sollte man von so einem frühen Werk eines damals so jungen Autors aber auch nicht zu viel erwarten, wobei die gelungene Herausarbeitung der Hauptthematik des Buches schon viel vom Talent von Lenz durchscheinen lässt.

4 von 5 Punkten

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