Mittwoch, 24. August 2016

Rezension: Pompeji (Mary Beard)

Reclam Verlag
Gebunden mit Schutzumschlag, 480 Seiten
ISBN: 978-3-15-010755-3
29,95 €

Ein kurzer Einblick

Auch heute noch geht von Pompeji, das 79 n. Chr. durch den Ausbruch des Vesuvs komplett unter Asche begraben wurde, eine große Faszination aus. Keine andere antike Ausgrabungsstätte gibt uns so viele Einblicke in das römische Alltagsleben. Sich orientierend an den neuesten Ausgrabungsfunden erweckt Mary Beard, Professorin für Klassische Philologie in Cambridge, die antike Stadt erneut zum Leben: das bunte Treiben in Kneipen, Werkstätten, Bordellen, Privathäusern, Theatern, Thermen oder der Arena wird ebenso ausführlich behandelt, wie auch mit vielen Mythen rund um den Untergang der Stadt aufgeräumt wird, sei es etwa das genaue Datum des Vulkanausbruchs oder die tatsächliche Anzahl der Todesopfer.

Bewertung

Ich habe das Buch zur Vorbereitung einer im nächsten Jahr geplanten Besichtigung der Ausgrabungsstätte gelesen und kann durchweg sagen, die Lektüre hat sich dafür wirklich gelohnt. Es wäre zum Teil besser gewesen, schon einmal vor Ort gewesen zu sein, denn trotz „Stadtplan“ direkt am Anfang des Buches war nicht immer leicht zu verfolgen, von welcher Gegend der Stadt Beard jeweils gerade sprach. Doch um den Besuch bereits sehr gut informiert anzugehen, hätte man sich kein besseres Werk aussuchen können. Beard spricht wirklich jeden Aspekt an, den einen in Bezug auf Pompeji interessieren könnte. Bereits im Vorwort räumt sie mit einigen gängigen Mythen rund um den Vesuvausbruch auf, insbesondere der Vorstellung, die Einwohner von Pompeji wären direkt in ihrem Alltagsleben unterbrochen und in diesem durch die Verschüttung festgehalten worden. Vielmehr zeichnete sich die Katastrophe Tage vorher ab und zahlreiche Menschen hatten sich und ihr Hab und Gut in Sicherheit gebracht, was auch die gemessen an der Einwohnerzahl recht geringe Zahl an Todesopfern erklärt. Kapitelweise widmet sie sich dann jedem Aspekt des römischen Lebens, die Ursprünge der Stadt Pompeji werden zunächst erläutert, die wie so oft eher im Dunklen liegen, außerdem wird das Leben in den Straßen, das Privatleben in den Häusern, verschiedene Berufsfelder wie Bäcker oder Banker, politische Abläufe, die „Unterhaltungsbranche“ mit Bordellen, Bädern, Speisen und Wein, sonstige Freizeitaktivitäten wie Spiele, Theaterbesuche oder Gladiatorenspiele und religiöses Leben in der Stadt behandelt. Das Buch endet ganz typisch für Mary Beard mit einigen Tipps, falls man die Ausgrabungsstätte einmal besuchen möchte.
All dies bekommt man zwar sehr sachlich, aber immer auch spannend formuliert geboten, so dass man sich keinesfalls durch das Buch quälen muss. Beard ist ein durchweg hervorragend recherchiertes und überzeugendes Sachbuch gelungen, das neben den interessanten Einblicken in die Arbeit von Archäologen auch immer wieder durch seine Kritik oder kritische Hinterfragung von gängigen Forschungsmeinungen auftrumpft und auch die Verbreitung alter Mythen, die sich um Pompeji rangen und von Reiseführern und auch Wissenschaftlern oftmals noch aus Marketinggründen weitergeschürt werden, anprangert.
Der Text wird außerdem immer wieder durch Abbildungen der Ausgrabungsstätte oder von Funden und Lageplänen unterstützt, die sich nach meinem Wissen auch in der hier angegebenen deutschen Ausgabe befinden. Ich hatte die Originalausgabe gelesen, die auf einigen Seiten auch noch farbige Bilder aufweist. Im Anhang finden sich ferner zahlreiche Literaturtipps, die zur weiteren Beschäftigung mit Pompeji einladen.

Fazit

Wer sich ähnlich wie ich für die Antike interessiert, kommt kaum an diesem überaus gelungenen Werk von Mary Beard vorbei. Ich kann eigentlich nichts an diesem Sachbuch kritisieren, es ist herausragend recherchiert, verständlich und spannend geschrieben, all die Aspekte rund um das römische Alltagsleben werden kenntnisreich erläutert, so dass man es kaum erwarten kann, all dies auch einmal in natura zu sehen. Ich hätte mir noch mehr Informationen zu der Entwicklung der Ausgrabungen von Pompeji gewünscht, ansonsten blieb für mich keine Frage unbeantwortet. Demnach unbedingte Leseempfehlung!

4,5 von 5 Punkten

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