Mittwoch, 3. August 2016

Rezension: Frauen und Töchter (Elizabeth Gaskell)

Fischer Verlag
Taschenbuch, 864 Seiten
ISBN: 978-3-596-90533-1
16,99 €

Ein kurzer Einblick

Elizabeth Gaskells letzter Roman erzählt von der siebzehnjährigen Molly Gibson, die bei ihrem alleinerziehenden Vater, einem Arzt, in behüteten Verhältnissen aufwächst, nachdem sie ihre Mutter bereits in jungen Jahren verloren hat. Als ihr Vater sich jedoch entscheidet, erneut zu heiraten, auch um seiner Tochter einen Mutterersatz zu geben, trifft sie auf eine oberflächliche und eitle Stiefmutter, gewinnt aber zugleich in deren hübschen und beliebten Tochter Cynthia eine wichtige Freundin und Beinaheschwester hinzu. Schnell wird sie in Cynthias romantische Verstrickungen hineingezogen und muss mit ansehen, wie auch der Mann, den sie heimlich liebt, ein Interesse an Cynthia entwickelt…

Bewertung

Nachdem mich bereits Gaskells Roman „North and South“ fast komplett begeistern konnte, nahm ich mir nun ihr Spätwerk „Frauen und Töchter“ vor, ihr letzter Roman, der aufgrund ihres Todes unvollendet blieb und noch von einem anderen Autor fertiggestellt wurde. Mit ihm ist ihr ein wirkliches Meisterwerk gelungen, das hierzulande noch viel zu wenig gewürdigt wird und mit dem sie all ihr schriftstellerisches Können unter Beweis stellt. Man taucht von der ersten Seite an ins ländliche England zu Beginn der Industrialisierung (die Haupthandlung spielt etwa um 1830) ein, bekommt ein Abbild der gehobenen Gesellschaft in Zeiten großer wirtschaftlicher und politischer Wendungen geboten, das so viele Lebensbereiche anschneidet und trotzdem auch über 150 Jahre nach Erscheinen immer noch verständlich verfasst ist, wie ich es selten erlebt habe. Die klassischen Themen à la Jane Austen wie Lieben und Heiraten im englischen Landadel, Standesbedenken, das Leben auf dem Land der Familien von Großgrundbesitzern bilden genauso einen großen Teil der Handlung wie auch Entwicklungen im finanziellen, universitären, politischen und medizinischen Bereich. Auch die leichte Ironie, die sich durch den Roman zieht und mit der Gaskell die zwischenmenschlichen Beziehungen darstellt, erinnert in vielerlei Hinsicht an Austen, wobei Gaskell ihr in nichts nachsteht. Allein die unterschwellig bissigen Wortgefechte zwischen Cynthia und ihrer Mutter sind herrlich zu lesen und für mich eins der großen Highlights dieses wirklich tollen Werkes.
Was es außerdem so dermaßen gelungen macht, ist die zwar wie oben angedeutet anspruchsvolle und auch rührende Handlung, die sich aber fast komplett so spannend wie ein Krimi liest, so dass man das Buch oftmals kaum aus der Hand legen kann. Dies kann man in meinen Augen nicht besonders vielen „Klassikern“ attestieren. Zusätzlich sind Gaskell auch noch wirklich berührende Figuren gelungen, die einem sofort ans Herz wachsen, sei es nun Mollys Vater, ihre heimliche Liebe Roger Hamley, dessen Bruder und Eltern oder auch Cynthia mit all ihren Schwächen. Gaskell zeichnet sie so lebensnah und entfaltet ihre Psyche so realistisch, dass sie tatsächlich wie echte Menschen wirken. Doch alle Hauptfiguren kommen trotzdem nicht an Molly heran, die die unstrittige Heldin des Romans ist. Für mich war sie eine der rührendsten Buchcharaktere, die ich seit langem begleiten durfte. Man baut sofort auf den ersten Seiten eine unglaubliche Verbindung zu ihr auf, fiebert mit ihr mit, erlebt ihren Schmerz hautnah mit und entwickelt beinahe schwesterliche Gefühle für sie. Insbesondere das Verhältnis zu ihrem Vater fand ich herausragend herausgearbeitet, das sie noch liebenswerter erscheinen ließ.
Über die Zusätze der hier angegebenen deutschen Ausgabe kann ich nichts sagen, da ich die Originalversion gelesen habe, die ich wirklich empfehlen kann, sie ist in sehr modern anmutendem Englisch verfasst, wenn ich es etwa mit Thomas Hardys Werken vergleiche. Auf der Homepage der Fischerverlage sind als Anhang ein ausführliches Nachwort und Informationen zu Leben und Werk der Autorin angegeben, demnach wird die deutsche Ausgabe wohl einige Hintergrundinformationen zum Buch bieten.

Fazit

Man merkt von der ersten Seite an, dass bei diesem Roman eine Meisterin am Werk war. „Frauen und Töchter“ ist eins der besten Bücher, die ich jemals gelesen habe, eine tiefgehende Handlung, die ein Abbild des ländlichen Englands am Vorabend der Industrialisierung bietet und damit eine rührende Liebesgeschichte verbindet, wird beinahe so spannend wie ein Krimi erzählt und zudem um sehr lebensnahe und liebenswerte Figuren gespannt, so dass man rein gar nichts an diesem Buch kritisieren kann. Gaskell ist mit ihm ein wirklicher Klassiker gelungen, der dieses Wort tatsächlich auch verdient!

5 von 5 Punkten

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