Dienstag, 16. August 2016

Rezension: Der Höllenexpress (Christopher Fowler)

Luzifer Verlag
Perfect Paperback, 328 Seiten
ISBN: 978-3-95835-026-7
13,95 €

eBook, 4,99 €
ISBN: 978-3-95835-027-4

Ein kurzer Einblick

Donnernd rast der Ärzengel während des 1. Weltkriegs durch Osteuropa und nimmt menschliche Seelen an Bord. Auf sie wartet eine teuflische Prüfung. Den Zug zu verlassen, ist nicht gestattet. Die rote Gräfin, der Brigadegeneral und weitere Gestalten dunkler Mächte stellen die Passagiere vor ihre Ängste.
»Der Höllenexpress« ist eine Hommage an den klassischen Horrorfilm und die legendären Hammer-Studios.



Bewertung

»Der Höllenexpress« des britischen Autors »Christopher Fowler« ist eine Hommage an die Hammer-Studios. In den 1960er Jahren: Shane Carter ist ein gefeierter amerikanischer Horror-Drehbuchautor - gefeiert und gefeuert. In England besucht er die Hammer-Studios, die schon längst nicht mehr auf der Erfolgswelle gefragter Filme mitschwimmen. Die Filmgrößen Christopher Lee und Peter Cushing sitzen mit ihm an einem Tisch und diskutieren sein Drehbuch. Das ist die Rahmenhandlung, in die der eigentliche Roman eingebettet ist. Es ist aber auch der nervige Zwischenstopp, der die Geschichte unterbricht. Sei es drum, der Höllenexpress pflügt jedes Hindernis beiseite.

Was benötigt ein Film mit geringem Budget? Genau: einen Ort, um die Kulissen klein zu halten. Monster, die Blut vergießen; die Jugendlichen mögen Splatter und das Amt für Zensur, braucht etwas, um zu mäkeln. Eine Jungfrau. Ein finsteres Geheimnis. Na ja, dann ist da eben noch so der Anspruch, vertreten durch Gesellschaftskritik und Himmel-Hölle-Geplänkel. Da muss man schon aufpassen, nicht dass die Zuschauer gelangweilt werden.
Es ist der 1. Weltkrieg. Die Soldaten fallen in Osteuropa ein. Gemeinsam mit der Wirtstochter, der hübschen Isabella, flieht der Handelsreisende Nicholas Castleford, aus dem heruntergekommenen Ort Chelmsk. Um Mitternacht sollte gar kein Zug mehr am hiesigen Bahnhof halten, doch das monströse Ungetüm, der Ärzengel, nimmt sie an Bord. Das Ziel ist unbekannt, der Zugbegleiter unheimlich, der Zug ... Die Enge entlockt klaustrophobische Gefühle und vermittelt zugleich die Geborgenheit einer gemütlichen Reise. Die Passagiere sind freundlich, aber auch teilnahmslos. Schnell stellt sich heraus, dass es Regeln gibt. 1: Niemand darf den Zug verlassen. 2: Jeder Passagier bekommt eine Prüfung gestellt. Welcher Art oder Natur diese ist, stellt sich beim Bestehen - oder eher Nichtbestehen - heraus. Nur eines ist klar: Die menschlichen Schwächen sollen die Person zu Fall bringen. Die Schuld soll innerlich zerfressen. Die Seele ist nicht für den Himmel bestimmt.

Christopher Fowler beherrscht eine bildhafte Sprache, die die Eintönigkeit der Waggons geschickt beiseite kehrt, und dem Unheimlichen Einlass gewährt. Es sind kleine Dramen, die sich an Bord des Ärzengels zutragen. Niemals detailverliebt beschrieben, sondern atmosphärisch vorangetrieben, donnert der Zug durch die Landschaft. Markante Horrorgestalten, wie der Ghul, treiben nicht die Angst unter die Haut, stellen aber die Frage, wie man vor diesem Wesen entkommen kann. Hieraus erwächst also nicht der plumpe jagen-und-gefressen-Klamauk, sondern dichte Spannung. Blut fließt, kleine Kriege entbrennen, dunkle Magie breitet sich aus. Was ist schlimmer? Einfach aufzugeben oder der Prüfung Herr zu werden?

Fazit

Christopher Fowler hat ein wunderbares Gespür dafür, klassischen Horror zu nehmen, einen Stempel der Gewalt der heutigen Zeit darauf zu pressen und dennoch einen beeindruckenden atmosphärischen Roman abzuliefern, der sich dem Splatter verwehrt. Hier hat jedes literarische Stück seinen angestammten Platz. Unbedingt lesen!

4,5 von 5 Punkten

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