Montag, 29. August 2016

Filmkritik: Frauen und Töchter (1999)


Elizabeths Gaskells letzter Roman, den sie vor ihrem Tod nicht ganz vollenden konnte, wurde im Jahre 1999 nach dem Drehbuch von Andrew Davies als sechsteilige Miniserie im Auftrag der BBC verfilmt. Darin wird die Geschichte der siebzehnjährigen Molly Gibson (Justine Waddell) erzählt, die bei ihrem Vater (Bill Paterson), einem Arzt, in behüteten Verhältnissen aufwächst, nachdem ihre Mutter bereits früh gestorben ist. Als ihr Vater sich jedoch entscheidet, erneut zu heiraten, auch um seiner Tochter einen Mutterersatz zu geben, trifft Molly auf eine sehr oberflächliche und eitle Stiefmutter (Francesca Annis), gewinnt aber zugleich in deren hübschen und beliebten Tochter Cynthia (Keeley Hawes) eine wichtige Freundin hinzu. Schnell wird sie in Cynthias romantische Verstrickungen hineingezogen und muss mit ansehen, wie Roger Hamley (Anthony Howell), der Mann, den sie heimlich liebt, ein Interesse an Cynthia entwickelt…

Wie bei den meisten BBC-Verfilmungen von englischen Klassikern hält sich auch diese recht nah an die Buchvorlage. Einzelne Dialoge wurden beinahe exakt aus dem Roman übernommen und keine wirklich neuen Szenen hinzugefügt. Es werden bloß Szenen, die im Buch nur erwähnt werden, Ereignisse aus der Vergangenheit etwa oder Rogers Forschungen in Afrika, filmisch umgesetzt. Rogers Zeit in Afrika erlebt man so eingehender mit, im Buch hört man davon immer nur durch Briefe. Ebenso sieht man in einzelnen Szenen, wie Osborne, Rogers Bruder, seine Familie besucht, auch diese werden im Roman bloß erwähnt. Stärker unterscheidet sich diese Verfilmung nur zu ihrer Buchvorlage beim Ende. Dieses blieb aufgrund des Todes von Elizabeth Gaskell sowieso unvollendet, es gibt aber Aussagen darüber, wie Gaskell ihren Roman abschließen wollte. Dieses geplante Ende wird im Film auch aufgegriffen, jedoch noch viel kitschiger und dramatischer ausgeführt als im Roman geplant. Außerdem wird am Ende nur noch durch die Geschichte gehetzt, so als müsste man schnell fertig werden, was der ansonsten gelungenen Verfilmung einen etwas faden Beigeschmack gibt.
Die Miniserie kommt insgesamt auf keinen Fall an die Buchvorlage heran, kann aber über weite Strecken gut unterhalten. Ihr größtes Problem ist ihre fehlende Eigenständigkeit im Vergleich zum Roman. Da sie auf sechs Folgen von jeweils 50 Minuten Länge ausgelegt ist, kann sie wie die meisten BBC-Literaturverfilmungen auf viele Kürzungen verzichten. Doch dann sollte sie nicht nur im Wesentlichen die Geschichte des Buches nacherzählen, sondern auch eigene Akzente setzen und stärker mit filmischen Mitteln arbeiten. Ein wenig ausgleichen konnte sie dies durch die wirklich toll gewählten Locations, insbesondere der Landsitz der Hamleys und das Haus der Gibsons, durch die man sich tatsächlich ins ländliche England des 19. Jahrhunderts zurückversetzt fühlte, wie auch durch die sehr passenden Kostüme, die dieses Gefühl noch verstärkten.
Auch die schauspielerischen Leistungen litten ein wenig unter der fehlenden Eigenständigkeit der Verfilmung, wenn auch die meisten ihre Figuren glaubhaft und liebenswert verkörperten. Allerdings empfand ich die Besetzung von Keeley Hawes als Cynthia als nicht passend. Ich halte sie für eine sehr gute Schauspielerin, doch das junge, ständig flirtende Ding nahm man ihr nicht ab. Justine Waddell als Molly gefiel mir da deutlich besser, insbesondere Mollys Unschuld konnte sie sehr gut herausarbeiten, wohingegen Anthony Howell als Roger ein wenig dagegen abfiel, insbesondere sein Lachen wirkte häufig seltsam und unnatürlich, so dass man ihm seine Rolle nicht immer abnahm. Am besten gefiel mir eigentlich Michael Gambon als Mr. Hamley, Rogers und Osbornes Vater, und das nicht, weil er bei Harry Potter mitgespielt hat. Er gab seiner Figur am meisten Tiefe und Wärme, mit ihm konnte man am besten mitfühlen, wenn auch einige Szenen (nicht nur von ihm) etwas zu melodramatisch ausfielen.

Fazit

Insgesamt wurde ich etwas von dieser Verfilmung enttäuscht, hatte mich doch die Buchvorlage so dermaßen begeistert. Wahrscheinlich half es auch nicht, dass ich den Roman gerade erst gelesen hatte, so fiel der Kontrast noch stärker auf. Man bekommt eben einen grundsoliden Film zum England des 19. Jahrhunderts geboten, der sich in die vielen BBC-Verfilmungen von englischen Klassikern einreiht und auch nicht langweilt oder nicht unterhalten kann. Da er sich aber zu sehr an seiner Buchvorlage orientiert, wirkt er nur wie eine Nacherzählung des Romans und haut einen eben nicht vom Hocker. Für ein gemütliches Wochenende zu Hause auf der Couch eignet er sich durchaus, man sollte nur kein Meisterwerk erwarten.

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