Dienstag, 5. Juli 2016

Rezension: Tigerman (Nick Harkaway)

Knaus
Paperback, 448 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0670-9
16,99 €

eBook, 13,99 €
ISBN: 978-3-641-16067-8

Ein kurzer Einblick

Mancreu ist vergiftet, verseucht, dem Untergang geweiht. Skrupellose Chemiekonzerne leiteten Abfälle in den Boden der Insel. Nun brodelt ein toxisches Gemisch im Inselinneren, das zur Umweltkatastrophe mutiert. Die internationale Gemeinschaft beschließt die völlige Vernichtung Mancreus. Bis es soweit ist, zieht es Profitgeier auf die Insel. Sergeant Lester Ferris steht vor einer Herausforderung. Und dann ist da ja auch noch der Junge namens Robin, der comicsüchtig und Lester ans Herz gewachsen ist. Für ihn wird Lester zum Superhelden. Er wird zu Tigerman, dem furchtlosen Kämpfer für das Gute.


Bewertung

Nach »Die gelöschte Welt«, einem postapokalyptischen SF-Roman, und »Der goldene Schwarm«, einem Mix aus Gangster-Agenten-Thriller und Steampunk, ist »Tigerman« Nick Harkaways dritter Roman, der abermals in einem neuen Genre spielt: Gerechtigkeits-Comic mit Umweltvergiftungskritikattitüde, sowie einer Vater-Sohn-Beziehung. Klingt skurril, bestimmt nicht wunderlicher als dieses Zitat:
Der Sergeant und der Junge, der sich selbst Robin nannte, saßen auf den Stufen des alten Missionshauses und beobachteten, wie eine Taube von einem Pelikan verschluckt wurde. (Seite 9)
Der Humor Harkaways und das Können, einem Roman den Charakter eines Comics aufzudrücken, zeugt von wahrem schriftstellerischem Geschick. Dabei ist »Tigerman« alles andere als ein spaßiges Stück Literatur, sondern verarbeitet bittere Kritik an unsere Gesellschaft und die bedingungslose Liebe zu einem Kind. Kontrastreicher könnten die beiden Themen gar nicht sein und doch sind sie eng miteinander verwoben. 
Mancreu ist eine verlorene Insel. Das Ökosystem ist verseucht. Rücksichtslose Chemiekonzerne pumpten Abfälle in den Boden der Insel. Nun brodelt unter den Füßen der Einwohner ein giftiger Mix und gefährliche Bakterien und Viren gedeihen. Die Evakuierung und komplette Vernichtung ist bereits beschlossen, doch die Mühlen der Politik malen langsam. Niemand interessiert sich noch für das Eiland. Mancreu ist politisch tot. Profitgeier zieht es auf die Insel, die die Gesetzlosigkeit ausnutzen.
In dem Chaos ist Lester Ferris der letzte Vertreter Großbritanniens, offiziell Ehrenkonsul, inoffiziell Sheriff. An dem Jungen, der seine Nase beständig in Comics steckt, hat er einen Narren gefressen. Ausgerechnet der Junge, der sich Robin nennt, fordert Lester zum Widerstand auf. Ihr gemeinsamer Freund wurde ermordet. Für ihn wird der Sergeant zum Superhelden. Das Image: schusswaffenloser Beschützer der Schwachen und Rächer ungerechter Morde. Das Kostüm: selbstgebastelt. Die Ausrüstung: Teile seines militärischen Lagerbestandes wie Rauchgranaten und kugelsichere Westen, plus Haushalswaren. Die Kriegsbemalung: eine Tigerfratze. So stolpern Lester und Robin in weitaus größere Geheimnisse hinein als anfänglich vermutet. Es geht nicht mehr nur um Rache am Mord eines Freundes, sondern um die Skrupellosigkeit des Menschen, aber auch um die Akzeptanz eines Helden, der nah an der Grenze zum Verbrechen balanciert.

Die Fabulierfreude des Autors ist ungebrochen. Hier schwadroniert der Autor über die Charaktere. Dort breitet er die Verseuchung Mancreus in schillernden Bildern aus. Später monologisiert Harkaway über die mögliche Zukunft der beiden Protagonisten. Nebenbei verbreitet er all die Grausamkeiten und Zügellosigkeiten des Menschen, wenn Recht und Ordnung in sich zusammenbrechen. Der zynische Humor steht dem Roman ungeheuerlich gut. Der Comiccharakter nimmt die Schärfe und plakatiert die Geschehnisse. Harmlosigkeit ist nicht das Ziel, Unterhaltung mit Kritik sehr wohl. Das soll der Roman in erster Linie sein: keine Gesellschaftskritik, sondern spannenden Lektüre. Drogenhandel und Tierquälerei, die alte Dame vermisst ihren fetten Köter bestimmt noch immer, Vaterliebe und Einsamkeit - das Leben ist hart, ein ewiger Kampf gegen das Verbrechen und für die Menschlichkeit. Dafür steht er: Tigerman, der Kämpfer für das Gute!

Fazit

Hat Nick Harkaway sein eigenes Genre erschaffen? Die Vermischung bekannter Versatzstücke und das Endresultat hochspannender Unterhaltung unabhängig von Schubladen bietet nicht nur Abwechslung, sondern lebensechte Charaktere und glaubhafte Szenarien. Immer ein bisschen übertrieben, lotet Nick Harkaway die Grenzen des Machbaren aus - und begeistert! Nick Harkaway ist einer jener Autoren, die man verschlungen haben muss.

5 von 5 Punkten

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