Dienstag, 26. Juli 2016

Rezension: Esswood House (Peter Straub)

Edition Phantasia
Klappenbroschur, 168 Seiten
ISBN: 978-3-937897-07-3
12,90 €

Ein kurzer Einblick

William Standishs Karriere stagniert. Er muss ein Essay schreiben, um beruflich anerkannt und am College unterrichten zu dürfen. Das Angebot von Esswood House, die Schriftstücke seiner Stiefgroßmutter Isobell Standish zu studieren, nimmt er dankend an. Die Nachforschungen decken vergangene Geheimnisse auf, geisterhaftes Kichern hallt durch die Flure des Herrenhauses und William Standish dringt immer tiefer in die Lebensgeschichte des uralten Hauses ein.

Bewertung

Grusel im Herrenhaus, das ist »Esswood House«, die überarbeitete und erweiterte Version der Novelle »Mrs. God«. Peter Straub gehört neben Stephen King zu den großen Namen des Horror-Genres. Der Autor wurde bereits mit namhaften Preisen wie dem British Fantasy Award, dem Bram Stoker Award oder dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Zudem ist Straub in Literaturgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bewandert; das merkt man dem Roman ungemein an. Immer wieder fallen bekannte und unbekanntere Autorennamen und Buchtitel. All die Nennungen platzieren »Esswood House« unbewusst zwischen den Werken und heben den Roman auf die Bühne der großen Literatur.

William Standish ist US-amerikanischer Doktorand, der in Esswood House, England, die Nachlasspapiere seiner Stiefgroßmutter Isobel Standish, einer Dichterin des 20. Jahrhunderts, studiert. Bisher fiel ihm nur ihr Werk »Crack, Whack and Wheel« in die Hände, das sich durch sprachliche Verweigerung gängiger Praktiken hervortat. Überhaupt ist Esswood House ein Schatz von Bibliothek, Raritäten und unbekannter Werke. Alle Autoren und Künstler, die hier zu besuch waren, ließen Schriftstücke zurück. Als Standish beginnt die Dokumente Isobels zu sichten, fallen ihm Ähnlichkeiten zwischen ihrem und seinem Leben auf.
Souverän bringt Peter Straub seine Geschichte voran, die sich stets im Nebel des Unbehaglichen versteckt hält und die Versuchung zu begreifen lediglich anbietet. Inhaltlich vermag der Roman nicht zu überraschen. Atmosphärisch mag er umso mehr zu beeindrucken. »Esswood House« ist feinster Grusel; keine Schreckmomente, keine Monster - nur die Angst, die Beklemmung, die Ahnung von schrecklichen Geheimnissen, die hinter der Fassade des Herrenhauses verborgen liegen.
So souverän wie die Story voranschreitet, bringt der Autor nach und nach Zweifel an den Geistern und finsteren Mysterien ein. Ist es vielleicht William Standish, der phantasiert, sein Geist, der sich all die merkwürdigen Vorfälle nur ersinnt? Immerhin muss er ein Essay verfassen, um beruflich anerkannt zu werden. Seine Frau, die ein Baby verlor, geht fremd. Die seelische Belastung ist hoch. Ist »Esswood House« also eine Geistergeschichte oder die Analyse geistigen Verfalls? Letztlich bleibt die Frage unbeantwortet. Beide Möglichkeiten könnten so wahr sein, wie sie ebenso unmöglich erscheinen. Was jedoch eindeutig ist: Peter Straub wirft den Leser in einen Strudel von Unzulänglichkeiten und wagen Andeutungen. Es ist ein (Alb-)Traum, der fesselt, Geheimnisse suggeriert und ahnungslos zurücklässt.

Fazit

»Esswood House« ist bester Grusel, der zwar auf geradlinigem Weg verläuft, aber eine tiefe Furche der Angst hinterlässt. Geschickt spielt Peter Straub mit Andeutungen von Geistererscheinungen, entkräftet sie aber sogleich, um die Vorkommnisse Standishs zerrüttetem Geist zuzuschreiben. Ungewiss bleibt, was Wahrheit ist. Gewiss bleibt, dass »Esswood House« zu empfehlen ist.

4 von 5 Punkten

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