Montag, 18. Juli 2016

Rezension: Chefsache (Max Barry)

Heyne
Taschenbuch, 398 Seiten
ISBN: 978-3-453-81064-8
12,00 €

Ein kurzer Einblick

Stephen Jones, frisch von Uni, tritt seinen ersten Job bei Zephyr Holdings an. Sein Elan wird im Keim erstickt, er soll den braven Affen auf einem Bürostuhl spielen und ein funktionierendes Rädchen sein. Niemand seiner Kollegen weiß, was das Unternehmen überhaupt macht. Jones gibt sich damit nicht zufrieden und deckt das große Geheimnis Zephyrs auf. Dafür muss er sich gegen die Firmenphilosophie stemmen, dem Personalwesen trotzen und den Vorstand untergraben.

Bewertung

Ihr habt den Uniabschluss in der Tasche und seid bereit für das Berufsleben. Voller Elan stürzt ihr euch in den Arbeitsalltag. Nagelneuer Anzug, gute Laune, frische Ideen. Ihr werdet das Unternehmen Zephyr voranbringen. Noch seid ihr nur Assistent eines Schulungsverkäufers, doch mit Sicherheit werdet ihr mit eurem Tatendrang in der Unternehmshierarchie rasant aufsteigen. Ihr seid Jones und tappt in ein Wespennest von Großunternehmen, das euch zunächst einmal gründlich hinter den Ohren wäscht! Statt Innovation regieren Bürozellen mit Neonlicht, Profitdenken und Kostenregulierung. Der traurige Büroalltag wird euch alles abverlangen, die Kraft schröpfen, Eigeninitiative unterbinden, die Persönlichkeit nehmen. Du - respektive Jones - bist nur ein Rädchen im Getriebe.
Was Zephyr eigentlich macht? Zephyr ist Gesellschafter. Ja, aber was macht Zephyr? Zephyr macht ... ist doch egal, du musst nur deinen Job erledigen: Schulungen an andere Abteilungen im Haus verkaufen. Was, das soll Unsinn sein? Der Vorstand weiß, was das Unternehmen wirtschaftlich auf Kurs hält. Verkauf du deine Schulungen, spiel mit und mucke nicht auf. Angst vor Jobverlust ist ok, mach deine Arbeit, dann wirst du nicht gefeuert. An die andauernden Umstruktierungen wirst du dich schnell gewöhnen. Das alles ist nur zum Wohle des Unternehmens und spart kosten ein.
»Das also ist die brandneue Abteilung Belegschaftsservice: eine lose Ansammlung von Gnomen, Riesen, Elfen und organisierten Verbrechern.« Seite 273
Ihr merkt: »Chefsache« ist eine zynische Satire auf Großunternehmen und die Geschäftswelt. Die Stichworte lauten Globalisierung, Outsourcing, Kostenreduzierung. Den kleinen Arbeiter hat das Große und Ganze gar nicht zu interessieren. Er soll seine Akten sortieren und seine Energie dem Unternehmen spenden. »Chefsache« ist aber auch eine Studie über Management-Strategien. Wie kann mehr aus dem Büroaffen herausgeholt und gleichzeitig gespart werden? Wie kann das willenlose Zahnrad diskriminiert werden, ohne das Gesetz zu brechen? Der Roman treibt Management auf die Spitze. Die Mitarbeiter Zephyrs streiten über einen fehlenden Donut, mokieren sich über den Kollegen, der den Parkplatz näher am Aufzug geklaut hat, und fürchten sich vor der nächsten Kündigung. Beständig dreht der Vorstand an der Betriebsschraube. Informationsfluss ist tot. Jones weiß nur, was seine Abteilung, der Schulungsverkauf, macht: Schulungen verkaufen. Teamarbeit und Fleiß allein zählt. Eine unnötige Pinkelpause: Das Personalwesen möchte Rechenschaft abgelegt bekommen.
Ein Roman über den Alltag eines Menschen im Büro mag dröge klingen, was Max Barry daraus macht, ist hochspannend. »Chefsache« ist nicht nur eine Satire, eine Abrechnung mit Großkonzernen, sondern ein Heidenspaß! Leicht und locker geschrieben, sind die Seiten nur so verschlungen. Zum Ende hin mag dem Roman ein gänzlich zufriedenstellender Abschluss fehlen, doch der Unterton, der nachschwingt, bleibt bestehen: Der Roman ist eine Satire, aber eine so realitätsnahe, dass eine Gänsehaut zurückbleibt. Die Menschlichkeit ist ausgestorben.

Fazit

»Chefsache« ist eine realitätsnahe, zynische Satire auf Großunternehmen und Führungsstrategien. Leicht bekömmlich geschrieben, hochspannend aufbereitet, stehen Belanglosigkeiten der Mitarbeiter im Vordergrund, denn Mitdenken und Ideenentwicklung ist dem Vorstand vorbehalten. Lest diesen Roman und fühlt euch wie eine Henne in einer Legebatterie.

4 von 5 Punkten

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