Freitag, 10. Juni 2016

Rezension: Unschuld (Jonathan Franzen)

Rowohlt
Hardcover, 832 Seiten
ISBN: 978-3-498-02137-5
26,95 €


Ein kurzer Einblick

Pip hat eine Menge Probleme: ihre Mutter verheimlicht ihr nicht nur, wer ihr Vater ist, sondern auch vieles mehr, gleichzeitig erdrückt sie sie aber mit Liebe, zudem hat Pip Studienschulden, keine beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten und ist in einen verheirateten Mann verliebt. Als sie ein Praktikum beim „Sunlight Project“ des Whistleblowers Andreas Wolf angeboten bekommt, hofft sie, mehr über ihren Vater erfahren zu können. Doch in Bolivien gibt es nicht nur über sie eine Menge zu entdecken…

Bewertung

Jonathan Franzen ist wohl einer der größten noch lebenden Schriftsteller, der nicht nur durch seine Erzählkunst begeistert, sondern insbesondere dadurch, dass es kaum jemanden so gut gelingt, noch große Gesellschaftsromane zu schreiben, die gar mit den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann verglichen werden. Demnach sind alle seine Werke wirklich ein Lesegenuss, dieser jedoch ein klein wenig weniger als etwa „Die Korrekturen“. Zwar hat Jonathan Franzen in diesem Roman den Kniff verwandt, die Kapitel im unsystematischen Wechsel mit zeitlichen Sprüngen von verschiedenen Personen erzählen zu lassen, was durchaus für Spannung sorgt, doch werden dadurch auch viele Personen eingeführt, die sehr lange beschrieben werden, obwohl sie für die Geschichte an sich weniger relevant sind. Dadurch hat der Roman doch ab und zu seine Längen. Zugleich hat man bei den Personenkonstellationen und Charakterzügen immer mal das Gefühl, Ähnlichkeiten zu anderen seiner Romane zu erkennen.
Inhaltlich setzt sich der Roman mit einem der ältesten, biblischen Themen auseinander: Schuld. Was ist eigentlich Schuld und wann ist jemand schuldig? Kann Schuld dadurch ausgeglichen werden, dass man jemand Unschuldigen schützt? Dieses Fragen stecken hinter der Handlung, die Jonathan Franzen erzählt. Er zeigt auf, wie man ein Leben lang mit Schuld lebt, wozu einen diese Schuld treiben kann und was Menschen dafür tun, diese Schuld zu verschleiern. Zugleich tritt immer wieder die Frage auf, ob schreckliche Taten dadurch relativiert werden können, wenn man sie begeht, um jemanden aus einer fürchterlichen Lage zu befreien, und wie viel Uneigennützigkeit dabei eine Rolle spielt. Damit stellt Jonathan Franzen implizit die großen moralischen Fragen, die den Leser über Taten, das Verdrängen und das sich der Situation stellen nachdenken lassen.
Jonathan Franzen wäre jedoch nicht Jonathan Franzen, wenn er es bei diesem einen Motiv belassen würde. Vielmehr zeigt er eindrucksvoll, wie Menschen durch idealistische Vorstellungen beeinflusst, gar geblendet werden, wie sie sich von anderen abhängig machen und es ihnen nicht gelingt, sich wieder zu lösen und welche Treue und Abhängigkeiten es in Beziehungen und Ehen gibt. Dabei greift er immer wieder Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern auf und prognostiziert eine weitere düstere Uneinigkeit.
All das ist verpackt in einen großen amerikanisch-deutschen Gesellschaftsroman, der mit vielen zeitlichen Sprüngen etwa eine Spanne von 50 Jahren behandelt und bei dem deutsche Leser beeindruckt feststellen, wie intensiv sich Jonathan Franzen mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt hat. Viele Personen treten auf und werden gekonnt miteinander verwoben. Die gesamte Handlung wird dabei durch den großen gesellschaftlichen Trend der Digitalisierung bestimmt. Wie gekonnt Jonathan Franzen in diesem Roman die Auswirkungen der Digitalisierung beschreibt, ohne sich dabei in fachlichen Debatten zu verlieren, ist herausragend. Kein anderer hätte wohl die Auswirkungen und Probleme dieser Entwicklung so prägnant beschreiben können.

Fazit

Jonathan Franzen ist wieder einmal ein großer Gesellschaftsroman gelungen, der nicht nur die aktuellsten gesellschaftlichen Entwicklungen und ihre Problematiken aufgreift, sondern sich zugleich intensiv mit dem Thema Schuld auseinandersetzt. Er stellt, verpackt in einen herausragenden Erzählstil, die großen moralischen Fragen.

4,5 von 5 Punkten

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