Dienstag, 28. Juni 2016

Rezension: Berlin 1936 (Oliver Hilmes)

Siedler Verlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 304 Seiten
ISBN: 978-3-8275-0059-5
19,99 €

Ein kurzer Einblick

Pünktlich zum 80jährigen Jubiläum der Olympischen Spiele von Berlin im Jahre 1936 erscheint Oliver Hilmes’ neues Buch, das anekdotenweise prominenten und unbekannten Deutschen und ausländischen Gästen während der sechzehntägigen Olympischen Spiele im August 1936 folgt und den Kontrast zwischen dem weltoffen propagierten Berlin und der gleichzeitig weiter forcierten Unterdrückung von Juden, politischen Gegnern, sogenannten Asozialen und weiteren Kriegsvorbereitungen herausstellt. Er zeichnet das Bild einer Diktatur im Pausenmodus, die mit perfekt organisierten und friedlichen Spielen die Welt täuscht, um danach umso mehr ihr hässliches Gesicht zu zeigen.

Bewertung

Ich bin durch die vielen sehr positiven Bewertungen auf dieses Buch aufmerksam geworden, das zusätzlich auch noch eine meiner Hauptinteressen im sportlichen Bereich abdeckt: die Olympischen Spiele. Leider behandelt es diese aber nur am Rande und auch sonst wurde ich leider enttäuscht. Aber erst einmal der Reihe nach: das Buch ist chronologisch aufgebaut und stellt kapitelweise die Geschehnisse in Berlin an jedem der sechzehn Tage der Olympischen Spiele (1. bis 16. August) dar, um in einem Epilog noch zu erläutern, was aus den vielen Menschen geworden ist, die im Buch auftauchen. Jedem Kapitel ist ein Bild, das eine Szene aus dem damaligen Berlin zeigt, vorangestellt wie auch der Wetterbericht für die Hauptstadt an jedem Wettkampftag. Im Text folgt man dann vielen verschiedenen Personen, die hauptsächlich während der Olympischen Spiele in Berlin weilten, aber auch Menschen im Ausland wie Thomas Mann, die die Ereignisse in Deutschland mitverfolgten. Im Fokus stehen dabei nicht etwa Sportler, wobei bekannteren von ihnen wie Jesse Owens breiter Raum gegeben wird, sondern nationalsozialistische und ausländische Politiker und Diplomaten, Schriftsteller wie der US-amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe und vor allem Nachtclubbesitzer und andere Personen aus der Unterhaltungsbranche. Außerdem erhält man Einblicke in Informationen, die während der sechzehn Tage in der Reichspressekonferenz und durch die Staatspolizei vermutlich für den internen Gebrauch herausgegeben wurden.
Somit könnte man eigentlich ein umfangreiches Bild des damaligen Berlins und seiner Bewohner und Gäste gewinnen, doch leider sind die Anekdoten sehr oberflächlich gehalten und durch die erwähnte Fokussierung auf die Geschehnisse in verschiedenen Etablissements und bei Veranstaltungen der Nationalsozialisten gewinnt man nur einen sehr einseitigen Eindruck, wie das Leben zur Zeit der Olympischen Spiele 1936 in Berlin ausgesehen haben mag. Wenn ich mein Buch „Berlin 1936. Sechzehn Tage im August“ nenne, erwartet man schon eine ausführlichere Behandlung der vielen sportlichen Aktivitäten, die aber bis auf ein paar, die sowieso sehr bekannt sind, viel zu kurz kommen. Auch die Unterdrückung von Juden und anderen Gruppen, die während der Olympischen Spiele nicht aufhörte, bloß mehr von Berlin ferngehalten wurde, wurde nur knapp angerissen. Da das gesamte Buch zudem zu sehr in einer Rückschau geschrieben ist, mit dem Blick auf die Ereignisse, den nur wir haben können, weil wir wissen, was danach geschah, bekommt man keinen wirklichen Eindruck davon, wie es gewesen sein mag, damals die Olympischen Spiele mitzuerleben.
Das Buch liest sich immerhin sehr leicht runter und ist durchaus interessant, wenn die vielen Bargeschichten geringer ausgefallen wären, doch es geht eben kein bisschen in die Tiefe. Man bekommt kurzweilige, oberflächliche Unterhaltung, die anscheinend vielen, die dieses Buch bis in den Himmel gelobt haben, ausreichte. Möchte man aber mehr über die sportlichen Aspekte der Spiele erfahren und nicht mit oberflächlichen Geschichten abgespeist werden, dann kann man mit diesem Buch nicht zufrieden sein. Der Anhang bietet noch einige Literaturtipps zur weiteren Beschäftigung mit der Thematik, die ich somit eher empfehlen würde.

Fazit

Ich hatte wirklich mehr von diesem Werk von Oliver Hilmes erwartet und kann die vielen positiven Bewertungen nicht nachvollziehen. Über die Olympischen Spiele 1936 erfährt man sehr wenig, dafür umso mehr über Nachtclubbesitzer in Berlin und Feste von Nazigrößen während der Spiele. Man kann Hilmes nicht vorwerfen, er habe nicht gut recherchiert oder wichtige historische Aspekte rund um die Spiele weggelassen, doch alles wurde nur oberflächlich angerissen und hinterließ daher auch keinen bleibenden Eindruck. Schade!

3 von 5 Punkten


Wir danken dem Siedler Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

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