Mittwoch, 11. Mai 2016

Rezension: Drachengift (Markus Heitz)

Piper
Hardcover, 560 Seiten
ISBN: 978-3-492-70353-6
19,99 €

eBook, 15,99 €
ISBN: 978-3-492-97127-0


Ein kurzer Einblick

Unsere Welt gehört den Drachen – seit Anbeginn der Zeit haben sie Länder und Kontinente unter sich aufgeteilt, säen Hass und Intrigen zwischen den Völkern, entfachen politische Konflikte und Kriege. Doch im Amerika des Jahres 1927 regt sich eine neue Macht, die die Klauen nach Europa ausstreckt. Resacro, eine tödliches Gift gegen die Drachen, entwickelt von der Hohenheim AG, verspricht die Freiheit von den fliegenden Bestien. Während Silena und Ahmat nach dunklen Geheimnissen über die wahre Absicht Hohenheims forschen, festigt Grigorij seinen Zarensitz.

Bewertung

Wir befinden uns im Jahre 1927. Der erste Weltkrieg ist beendet und Deutschland wird noch immer vom Kaiser regiert. Majestätisch schweben die Zeppeline durch den Himmel Europas. Flugzeuge begeben sich auf Drachenjagd. Die fliegenden Zeitgenossen sind eine stete Gefahr. Das Officium Draconis, die offizielle Drachenjägereinheit des Papstes, wurde neu gegründet. Die Skyguards operieren nun unter Befehl von Leída Havock. Eine Flugstaffeleinheit der Hohenheim AG macht ihnen zusätzliche Konkurenz. Silena amtiert an der Seite ihres Mannes Grigorij als Zaritsa. Die Bolschewiken lehnen sich gegen das Zarenpaar auf, Silena selbst erwartet ihr erstes Kind. Muttergefühle hingegen hegt sie keine. Und das hat einen ganz bestimmten Grund ...
Verrat, Intrigen und Machtspielchen drängeln sich einmal mehr in den Vordergrund. Markus Heitz nimmt sich dieses Mal jedoch zurück und baut die Handlungssträge überschaubarer auf. Das verwirrende Spiel der Parteien lässt sich gut überschauen. Die Vielzahl der Perspektiven, Handlungsorte und -stränge nehmen einen Raum ein, der dem Autor Komplexität und Übersichtlichkeit zugleich ermöglicht. Zar Grigorij ist ganz der Politiker, festigt seine Macht in Russland beim Volk und ersinnt Pläne, um gegen die Bolschewiken vorzugehen. Wäre da nicht das dunkle Geheimnis, die Drogen und der Schatten über ihm ... Silena, die sich kurz nach ihrer Entbindung absetzte, und Ahmat forschen in Amerika über Nikola Tesla und die Hohenheim AG nach. Das drachentötende Giftgas Resacro, das angeblich unschädlich gegen Menschen ist, kommt zu plötzlich nach Europa. In Amerika soll es bereits sämtliche Drachen getötet haben. In Großbritannien befindet sich Laída Havock auf Altvorderenjagd. Die rote Drachin Y Ddraig Goch wurde gesichtet. Die Archäologin Ulrika Mang arbeitet im neugegründeten Officium Draconis und wird entsandt um Säulen zu begutachten. Was sie dabei entdeckt, reicht weit, sehr weit in die Vergagenheit zurück. Neben all diesen Handlungssträngen werden politische Machtkämpfe eingestreut, sowohl zwischen den Drachen, als auch zwischen den Reichen der Menschen. Vielleicht kommt zweiteres nicht von ganz ungefähr. Nach wie vor verbergen sich die Drachen und lenken die Geschicke der Menschheit über ihre Marionetten. Doch eine neue Bedrohung erhebt sich in Amerika.
Die Machtkämpfe der Drachen Europas und das von Amerika eingeschiffte Resacro mögen zwei Handlungsstränge sein, doch dicht verwoben ergeben sie ein spannendes Gesamtbild. Die Ortssprünge zwischen St. Petersburg, Berlin, München, Wales, Frankreich, Mexiko und Amerika halten die Handlung bei Atem. Kein Handlungsstrang nimmt dem anderen die Luft zum Atmen. Alle sind gleichermaßen mitreißend. Das liegt sowohl an der fantastischen Figurenzeichnung, den Machtkämpfen und deren Auswirkungen, vor allem aber der glaubwürdigen Welt. Markus Heitz drückt den 20er Jahren seinen eigenen historischen Stempel auf. Es ist nicht unsere Welt und doch erscheint es fast so. Das Weltenbild ist lebendig, es fehlt nicht viel und die Illusion, unsere Wirklichkeit, zerplatzt. Das Ränkespiel der Drachen zeichnet ein überaus faszinierendes Bild. Warum nicht sollte dies die wahre Realität sein?
Bei all dem Gerede über Handlungen, Figuren und des Weltenbaus ist die Hohenheim AG viel zu kurz gekommen. Ein Wort zu viel und der Überraschungseffekt ist verdorben. Darum nur so viel: Das Geheimnis hinter Resacro offenbart sich wahrlich unerwartet. Die europäischen Drachen fürchten das Gift, können sie doch fast nichts dagegen unternehmen. Ein schmerzvoller Tod ist ihnen gewiss. Irgendwo dazwischen funkt Nikola Tesla. Mittlerweile forscht er an einer drahtlosen Übertragung von Strom, doch einst soll er Gerüchten nach an einer Waffe geschraubt haben ... Ein sehr interessanter Schachzug diese bekannte Persönlichkeit mit einzubringen und mit ihr Unruhe und Verwirrung zu stiften.

Mit »Drachengift« schließt sich vorerst das Kapitel der Drachen, doch der offen gelassene Handlungsstrang um Ulrika Mang lässt auf einen weiteren Roman hoffen. Möge es nicht zulange dauern, denn die Welt, die Markus Heitz erschuf, ist viel zu schade, um im Staub zu zerfallen.

Fazit

Die Stärken des Romans liegen ganz klar im ausgetüftelten Wirrwarr aus Intrigen und Handlungsfäden, die durch starke Figuren zu spannendem Leben erwachen. Die teils zusammengewachsenen Handlungsstränge greifen wunderbar ineinander über und ermöglichen Verwirrspielchen, um den Leser auf die falsche Fährte zu locken. »Drachengift« ist mitreißend. So muss Fantasy sein!

5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen