Sonntag, 22. Mai 2016

Rezension: Die Geschichte der Baltimores (Joel Dicker)

Piper Verlag
Gebunden mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN: 978-3-492-05764-6
24,00 €

Ein kurzer Einblick

Joël Dickers neuer Roman handelt von zwei Zweigen einer Familie: auf der einen Seite die Goldmans aus Montclair, eine normale Mittelstandsfamilie, der Sohn Marcus besucht eine staatliche Schule. Auf der anderen Seite die wohlhabenden Goldmans aus Baltimore, der Sohn Hillel ist hochbegabt, der Adoptivsohn Woody ein sehr guter Sportler. Marcus ist immer wieder hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für und Eifersucht auf seine reichen Verwandten, doch Hillel und Woody sind auch seine besten Freunde, zusammen gehen die Cousins durch dick und dünn und schwärmen für ein Mädchen: Alexandra. Doch eines Tages ereilt die Familie eine Katastrophe, nach der nichts mehr so ist, wie es war…

Bewertung

Vor ein paar Jahren habe ich Dickers zweiten Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ gelesen, dessen Hauptfigur Marcus Goldman nun auch wieder im Zentrum seines neuen Buches steht. Auch sonst lassen sich einige Parallelen zwischen den beiden Werken finden. Die Geschichte wird wieder auf verschiedenen Zeitebenen erzählt. Marcus sitzt in der Gegenwart in seinem neuen Haus in Florida, wohin er sich für die Arbeit an seinem neuen Roman zurückgezogen hat. In Rückblenden erzählt er uns die Geschichte seiner Familie, vor allem die der Goldmans aus Baltimore, zu denen er an freien Wochenenden und in den Ferien ständig zu Besuch gefahren ist, um die Zeit mit seinen beiden Cousins verbringen zu können. Diese meist chronologisch verlaufenden Rückblenden werden immer wieder durch die Handlung in der Gegenwart, in der Marcus schließlich wieder auf Alexandra trifft, und einem Handlungsstrang, der nur ein paar Jahre früher spielt, unterbrochen. So erfährt man als Leser häppchenweise immer mehr über die beiden Familien und die eine „Katastrophe“, die schließlich so viel zerstören sollte. Auch wechseln die Handlungsstränge meist an sehr wichtigen Punkten, was die Spannung noch mehr erhöht, so dass sich der Roman, wie sein Vorgänger auch, schnell zum Pageturner entwickelt. Ebenso ist dieses Werk wieder eine Art Buch im Buch, da Marcus im Roman auch plant, eine Geschichte seiner Familie zu veröffentlichen, die er am Ende seinem Onkel Saul widmet. Zudem entwickelt sich über den Roman hinweg wieder eine Liebesgeschichte, die allerdings erneut eher schwach und plump daherkommt und mich eher störte. Dies lag mit daran, dass Dicker sehr klischeehafte Figuren schuf, etwa den überaus erfolgreichen Schriftsteller und die hoch gelobte Sängerin, die Millionen von Platten verkauft, die sehr flach wirken und kaum emotionale Tiefe aufweisen. So baut man als Leser wenig Beziehung zu den Figuren auf, so dass mich auch die Tragödien, die die Familien heimsuchen, eher kalt gelassen haben. Das Schicksal der Charaktere war mir über weite Strecken relativ egal, man fiebert einfach kaum mit ihnen mit.
Deutlich besser hat mir der Roman gefallen, was die gesamte Familiengeschichte angeht. Marcus’ Zwiespalt zwischen Neid und Bewunderung der scheinbar so perfekten Familie aus Baltimore wurde sehr gut herausgearbeitet, ebenso seine allmähliche Reifung im Laufe des Buches, so dass er sukzessive erkennt, dass die Baltimores eben doch nicht so perfekt waren, wie sie nach außen hin schienen. In seiner Jugend hat er seine Verwandten vergöttert, sich für seine auch so mittelmäßigen Eltern geschämt, doch je mehr er als Erwachsener über seine eigene Familie erfährt, desto mehr muss er erkennen, wie falsch er vieles damals eingeschätzt hat und wie sehr er sich von der Fassade einer enorm erfolgreichen und glücklichen Familie hat täuschen lassen. Von diesem einfühlsam geschilderten Reifungsprozess lebt der Roman, wie Marcus nach und nach die Tragödie seiner Familie hinter sich lassen muss. Dies wird dann leider mit der eher simplen Liebesgeschichte verknüpft, die mich nicht überzeugen konnte.

Fazit

Ich bin in meinem Urteil über diesen Roman ein wenig zwiegespalten. Einerseits fesselt er genau wie sein Vorgänger ungemein, man versinkt sehr schnell in seiner Handlung und kann stundenlang weiterlesen, was für mich ein gutes Buch ausmacht. Andererseits sind die Figuren und die Liebesgeschichte leider wieder eher flach und klischeehaft, was mich bei Büchern immer sehr stört. Die überaus positiven Kritiken kann ich somit nicht uneingeschränkt bestätigen, weiterempfehlen würde ich diesen Roman aber dennoch, vor allem, wenn man einen schönen Schmöker sucht, in den man stundenlang abtauchen kann.

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Piper Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

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