Mittwoch, 25. Mai 2016

Rezension: Der goldene Schwarm (Nick Harkaway)

Knaus
Broschiert, 608 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0534-4
19,99 €

eBook, 15,99 €
ISBN: 978-3-641-12414-4


Ein kurzer Einblick

Der Uhrmacher Joe Spork setzt aus Versehen eine Weltuntergangsmaschine in Betrieb. Das Erbe seines Vaters, der Gangsterlegende Mathew »Tommy Gun« Spork, verleugnend, bricht das Chaos über ihn herein. Regierungsvertreter, verschleierte Mönche und ein asiatischer Diktator heften sich ihm an die Fersen. Alte Rechnungen müssen beglichen werden, die Vergangenheit empfängt Joe Spork mit offenen Amen. Edie Banister, eine neunzigjährige Spezialagentin im Ruhestand, greift ihm helfend unter die Arme. Ihr blinder, einzahniger Boxer unterstützt die beiden als wahre Kampfmaschine.

Bewertung

»Der goldene Schwarm« ist im Geringsten ein verworrener Weltuntergangsroman und im Höchsten ein komplexer Gangster-Agenten-Thriller der exzentrisch extravaganten Art. Nick Harkaway erschuf bereits mit seinem Debütroman »Die gelöschte Welt« einen wahren Hit, wenn auch etwas anstrengend zu lesen. »Der goldene Schwarm« bleibt dahinter keineswegs zurück, ganz im Gegenteil. Zugänglicher, näher am Vorstellbaren und doch abstrus merkwürdig, erfindet Nick Harkaway ein London, das aus einem James Bond-Film stammen könnte: fiese Gauner, hinterhältige Staatsmänner, mechanische Spielzeuge. Doch fangen wir bei der Story an, umreißen wir das mitreißende Geschehen, die Opulenz eines Epos auf 600 Seiten. Genieren wir uns nicht, eine Lobeshymne jedem in den Mund zu legen, der diesen Roman auch nur in einem Nebensatz erwähnt.
Joe Spork besitzt an der Themse eine kleine Werkstatt. Er ist Uhrmacher, sein Vater eine Gangsterlegende. Mit der Familiengeschichte schloss er ab. Als er aus Versehen eine Weltuntergangsmaschine in Betrieb nimmt, sind ihm die Stiefel plötzlich zu groß. Die Fußspuren des Vaters haben den Tod überdauert. Joe Spork sieht sich aus heiterem Himmel gegen mysteriöse Regierungsbeamte, verschrobene Mönche, mechanische Bienen und den asiatischen Diktator Shem Shem Tsien kämpfen.
»Und bin ich Gott, so werde ich vollkommen sein, und bin ich vollkommen, werde ich von Anbeginn vollkommen gewesen sein.« (Seite 426)
Der Anschauungsapparat soll Shem Shem Tsien zum Gott machen. Den Menschen soll er die absolute Wahrheit bringen. Eine 9%ige Verbesserung der Welt ist angestrebt; ganz ohne Chaos, Mord und Totschlag ist das aber natürlich nicht zu erreichen. Frankie Fossoyeur erfand die Maschine, ein Genie auf ihrem Gebiet. Mit ihrer Freundin Edie Banister muss Joe Spork die Welt retten. Edie Banister ist eine neunzigjährige Ex-Geheimagentin auf Rachefeldzug. Ihr treuer Begleiter ist ein blinder Boxer. Zwei rosa Murmeln ersetzen die Augen, ein einziger verbliebener Zahn ziert das sabbernde Maul. Ehre, wem Ehre gebührt. Die Großen sind klein, die Kleinen werden zu Helden.
Wie kann ein zwanzig Zentimeter großer Boxer Auge in Auge mit einem Gott stehen? Ein lächerlicher Scherz in letzter Sekunde? (Seite 597)
Überhaupt ist der englische Humor herzallerliebst und treibt so manche Lachtränen in die Augen. Dabei ist der Humor nicht lustig, nur so herrlich schräg und unpassend - so unpassend, dass er gefeiert werden muss. Der Roman ist ein wütender Eisbrecher. Unberechenbar pflügt er jeden Anflug von Aber-ist-das-nicht-etwas-abstrus über den Haufen. Nein, das ist nicht abstrus, das ist zu jedem Zeitpunkt überaus willkommen. Die Überzeichnung von Klischees, Charakterzeichnungen und Storyfragmenten macht den Roman so großartig. Das ist ein Marvelfilm mit englischen Anleihen. Wenn auf die Kacke gehauen wird, dann richtig. Warum sparen, wenn man Fantasie mit vollen Händen ausgeben kann? Unbeherrschbar versinkt London im Chaos. Die Wahrheit der mechanischen Bienen, die der Weltuntergangsmaschine entströmt sind, stößt die Welt in den Abgrund. So wie Sweeney Todd in »Der Barbier aus der Fleet Street« »Endlich ist mein Arm wieder vollständig!«, sagte, als er seine Rasiermesser zur Hand nimmt, ist auch Joe Spork erst vollständig, als er seine Vergangenheit, sein Erbe annimmt.
Endlich ist meine Hand wieder ganz, sagte Crazy Joe Spork. (Seite 518)
Fazit

»Der goldene Schwarm« mag etwas verworren sein, lohnend ist das Abenteuer, das Gangsterdasein, der Agenten-Thriller fraglos. Hochgradig spannend, komisch und bizarr, düster und postapokalyptisch. Nick Harkaway hat seinen eigenen Stil gefunden und mischt das Genre der Möchtegernagenten und Teilzeitgauner mit einem Knall auf.

6 von 5 Punkten

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