Donnerstag, 28. April 2016

Rezension: Vom Ende der Einsamkeit (Benedict Wells)

Diogenes Verlag
Hardcover Leinen, 368 Seiten
ISBN: 978-3-257-06958-7
22,00 €

Ein kurzer Einblick

Als sie noch Kinder sind, verlieren Jules und seine Geschwister Liz und Marty ihre Eltern bei einem Autounfall. Sie kommen auf das gleiche Internat, doch jeder geht seiner eigenen Wege und versucht auf seine eigene Art mit dem Tod der Eltern fertig zu werden. Jules freundet sich mit der rätselhaften Alva an, doch er merkt zu spät, was sie ihm eigentlich bedeutet. Sie verlieren sich aus den Augen, auch die Geschwister verlieren beinahe den Kontakt nach der Schulzeit. Erst Jahre später findet eine langsame Annäherung statt und auch Alva begegnet Jules wieder. Es scheint, als könnten sie die verlorene Zeit zurückgewinnen, doch dann trifft sie der nächste Schicksalsschlag…

Bewertung

Dieser Roman ist mein erster von Benedict Wells, auf den ich nur zufällig auf der Leipziger Buchmesse aufmerksam geworden bin, doch die Lektüre hat sich wirklich gelohnt. Das Buch behandelt die Geschichte der Geschwister über einen Zeitraum von 34 Jahren. Die Handlung setzt im Jahre 1980 ein und endet im Jahr 2014. An sich verläuft sie chronologisch, zwischen den einzelnen Hauptkapiteln finden immer Zeitsprünge von ein paar Jahren statt, unterbrochen wird die fortlaufende Erzählung aber immer wieder durch einen Krankenhausaufenthalt von Jules im Jahr 2014, bei dem er in Rückblenden auf sein Leben zurückblickt, mit interessanten Einblicken, wie Erinnerungen einen auch täuschen und wie verdrängte Dinge wieder ans Tageslicht kommen können. Wir erleben somit die Geschichte aus der Sicht von Jules, seine älteren Geschwister werden nur aus seinem Blickwinkel geschildert. Ihre Beziehung zueinander über die Jahrzehnte steht einerseits im Zentrum der Handlung, andererseits Jules’ Liebesgeschichte mit Alva. Dabei gelingt der Roman deutlich besser, was die Herausstellung der Geschwisterdynamik angeht, die sehr einfühlsam geschildert wird. Man erlebt sehr intensiv mit, wie alle drei anders mit dem Verlust ihrer Eltern umgehen, Jules wird immer in sich gekehrter und lebt beinahe in seinen Träumereien, Marty widmet sich vor allem seinen Arbeiten und seinem Computer, Liz muss sich eher austoben, sie experimentiert viel, nimmt Drogen und wirkt eher rastlos. Allen drei merkt man aber deutlich an, wie sehr dieser Schicksalsschlag sie aus der Bahn geworfen hat, auch Jahre später noch, wie sehr sie beim Erwachsen werden noch davon beeinflusst sind. So brauchen auch alle drei viele Jahre, um irgendwie ihren Platz im Leben zu finden, um wirklich erwachsen zu werden, was Wells wirklich sehr gut herausarbeitet. Schwächer fand ich die ganze Liebesgeschichte, die ab und zu etwas ins Kitschige abdriftet, da wirkte die Handlung oftmals eher unglaubwürdig und sehr konstruiert. Außerdem berührte sie mich gar nicht, man fieberte gar nicht mit, ob die beiden sich am Ende nun doch kriegen oder nicht.
Dies war leider das Hauptproblem, das dieser Roman hat. Man ist als Leser nicht wirklich berührt von der teils doch sehr dramatischen Geschichte und die Figuren wachsen einem nicht so sehr ans Herz. Er liest sich zwar wirklich gut, man bleibt schon am Buch hängen, ist auch nicht gelangweilt, sondern fühlt sich meist sehr gut unterhalten, doch richtig begeistert ist man eben auch nicht. Das gewisse Etwas fehlt irgendwie. Dies liegt auch an den immer schwächer werdenden Kapiteln, die Zeitsprünge zwischen ihnen stören den Fluss der Geschichte, die Handlung wird gegen Ende immer sprunghafter und konstruierter, das Ende dann auch etwas kitschig. So bleibt man nach dem starken Beginn des Romans leider etwas enttäuscht zurück.

Fazit

Die Lektüre hat sich trotz der oben geäußerten Kritikpunkte insgesamt sehr gelohnt, die Entwicklung der Geschwister über die Jahre, wie sie unter dem Eindruck ihres frühen Schicksalsschlags versuchen, ihr Leben zu ordnen und erwachsen zu werden, wird spannend und einfühlsam herausgearbeitet, wirkt nur mit der Liebesgeschichte hin und wieder zu konstruiert. Das Buch hat mich aber auf jeden Fall neugierig auf mehr Werke von Benedict Wells gemacht.

4 von 5 Punkten

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