Dienstag, 5. April 2016

Rezension: Horrorstör (Grady Hendrix)

Knaur
Klappenbroschur, 276 Seiten
ISBN: 978-3-426-51722-2
16,99 €

eBook, 14,99 €
ISBN: 978-3-426-42964-8


Ein kurzer Einblick

Bestellen Sie noch heute im brandaktuellen Katalog von ORSK oder besuchen Sie den Möbelladen direkt vor Ort in Cleveland. Doch seien Sie auf der Hut: Bleiben Sie nicht über Nacht, wenn ORSK ein Eigenleben entwickelt. Morgen für morgen finden die Mitarbeiter zerstörte Ware, verschmutze Möbel und Schmierereien auf den Tolietten. Gemeinsam mit drei Mitarbeitern beschließt Filialleiter Basil eine Nachtschicht einzulegen. Anstatt Vandalen zu ertappen, erwecken Sie ein grauenhaftes Geheimnis.


Bewertung

Da stöbere ich durch die Reihen einer einschlägigen Buchfiliale und muss verdutzt ein zweites Mal ins Regal schauen. Liegt da ein IKEA-Katalog? »Horrorstör« als Titel passt nicht, sieht aber aus wie ein Möbelhauskatalog. Hat sich da jemand einen Spaß erlaubt? Schnell stellt sich heraus, dass dies tatsächlich ein Roman ist. Nahezu quadratisch, Ausstellungsstücke und Preise auf dem Cover, Blaupausen mit schräg-humorigem Text leiten die Kapitel ein. Dazwischen lassen sich Bestellzettel und Motivationsfloskeln für Mitarbeiter auffinden. »Horrorstör« lebt sich selbst, Corporate Identity par excellence. Zunächst lassen sich noch brauchbare Möbel wie der Drittsëck, eine Kombination aus Aufbewahrungslösung und modularem Sitzarrangement, oder den Liripip, ein platzsparender Schrank, finden. Im fortschreitenden Storyverlauf sollte die Nützlichkeit besser fragwürdig dahingestellt werden.
»Sag ja zur Einfachheit unablässiger Wiederholung mit KRAANJK, einem rustikalen Griff, befestigt an Zahnrädern, die mit ihrem Widerstand zu ewigem Kurbeln einladen. Tritt nach hundert, tausend oder sogar zehntausend Umdrehungen ein in einen meditativen Zustand der Verzweiflung. Die einzige Regel lautet, dass KRAANJK nie den Dienst versagt, selbst wenn dein Körper es tut.« (Seite 184)
Dabei liegt der parodistische Horror gar nicht mal im Offensichtlichen: dem Horror. Vielmehr poliert »Horrorstör« den Verstand mit gallant eingestreuten Marketingtricks, Mitarbeitermotiviationen, die die Hölle sind, aber ORSK guttun. Mal direkter, mal subtiler, mal abstrakter tischt Grady Hendrix eine Komödie auf, die die Firmenphilosophie als das hinstellt, was sie ist: Werbung des Unternehmens für die Mitarbeiter. Die Firma lullt den Verstand ein, um den Mitarbeitern den fetten Braten des Erfolges wegzunehmen und lediglich das Premium-Küken zu servieren. Vorhang auf für den wahren Horror, die Macht der Firmen über das menschliche Leben. Während Basil, Filialleiter von ORSK in Cleveland, beständig das Firmenhandbuch predigt, stülpt sich die Geschichte gleich einem düsteren Spiegel über die rosarote Brille.
Einst stand dort, wo ORSK jetzt steht, ein Gefängnis. Fatalerweise kommen die Insassen nicht zur Ruhe. Immerwährend werden sie vom Gefängnisvorsteher zu Höchstleistungen angespornt. Von der Krankheit müssen sie gereinigt, der Verstand muss gesäubert werden. Das Gefängnis muss zum Lebensziel deklariert werden, bevor auch nur ein Gefangener entlassen wird. Der Spuk manifestiert sich zunächst in zugekoteten Möbelstücken und rückwärtslaufenden Rolltreppen. Ärgerlicherweise geben die Überwachungskameras kein brauchbares Material her, sodass Basil schließlich mit drei Arbeitskräften über Nacht in der Filiale bleibt, um den Vandalisten auf die Schliche zu kommen. In der gleichen Nacht schleichen sich zwei weitere Mitarbeiter ein; Trinity ist Geisterjägerin und möchte eine Paranormal Reality Show filmen. Bei einer Séance eskaliert das Grauen.

Konventionelle Story, bekannte Horrorelemente, überspitzte Charaktere, etwas Klamauk - et voilà, eine Horror-Parodie. Wenig spannend, die Figurenzeichnung meist nur schwer erträglich. Die Übercharakterisierung auf die Selbstinszenierung, also den Bestandteil, warum die Figuren überhaupt vertreten sind, zieht die Charakterzeichnung wieder hoch. Basil mit seiner stupiden, lehrerhaft wirkenden Art, die Firma zu vertreten, oder Amy in ihrer rebellisch genervten Art, die nur ihren Job ohne Firmenkinkerlitzchen machen will. Charaktere und Story sind ebenso durchgestyled wie ORSK selbst. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Da wird die sterile Art schnell verziehen, denn das ist gekonnter Selbstzweck. »Horrorstör« lebt sich selbst, Corporate Identity par excellence!

Fazit

»Horrorstör« ist Trash im Edellook. Mehr Parodie als Horror, aber wenig zimperlich, wenn es zur Sache geht. Durchgestyled und aufpoliert. Dass so manche Schraube hier und da Locker ist oder gar gänzlich fehlt, fällt dem Käufer erst später auf. Der Leser wird durch den Roman geleitet, Umwege und Abkürzungen sind gewollt. Die Aufmachung verspricht Wohlfühlatmosphäre. Da hat das Marketing ganze Arbeit geleistet.

4,5 von 5 Punkten

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