Sonntag, 3. April 2016

Rezension: Grimms Erben (Florian Weber)

Aufbau
Taschenbuch, 414 Seiten
ISBN: 978-3-7466-3060-1
12,99 €


Ein kurzer Einblick

Ignaz hat seine Erfüllung im Märchenerzählen gefunden. Doch er erleidet 1943 im Warschauer Ghetto ein grausames Schicksal, während sein Bruder Zacharias entkommt. Dieser zieht sich nach Ende des Krieges vollkommen zurück und schafft sich seine eigene Märchenbibliothek in seinem Garten. Dort lebt er zurückgezogen und glücklich mit seinen Büchern, bis er erfährt, dass er eine Tochter und einen Enkel hat und sich fortan um den Enkel kümmern muss. Doch ihr gemeinsames Zusammenleben währt nur kurz. Dann verschwindet Zacharias und hinterlässt nur eine kryptische Nachricht…

Bewertung

Wenn Menschen, die ihr Geld eigentlich mit etwas anderem als Bücherschreiben verdienen, einen Roman schreiben, ist dies leider häufig nicht von Erfolg gekrönt. Ganz anders ist es bei Florian Weber, dem Schlagzeuger der Band Sportfreunde Stiller. Er hat mit „Grimms Erben“ nicht nur eine Liebeserklärung an das Märchenerzählen geschaffen, sondern zugleich solch ein detailreiches Buch, das in allen Facetten eine Huldigung literarischer Erzählformen, Illustrationen und des Lesens selbst darstellt sowie demonstriert, dass Florian Weber vieles mehr als Schlagzeugnoten kennt.
Der Roman besteht aus vier Teilen, wovon der erste Teil am märchenhaftesten anmutet, zugleich aber auch am grausamsten ist. Dort lernt der Leser Ignaz Buchmann und seine Märchen kennen. Ignaz hat sich ganz dem Märchenschreiben verschrien und obwohl er die grausamsten Dinge im Warschauer Ghetto erlebt, gelingt es ihm immer wieder, die schönsten Geschichten zu schreiben, die auch dem Leser nicht vorenthalten werden, sodass dieser erste Teil des Buches aus einem Wechsel zwischen fortlaufender Handlung um Ignaz und eingeflochtenen Märchen besteht.
Der zweite Teil ist insbesondere in seiner zweiten Hälfte der schwächste Teil des Romans. Nachdem man zunächst Zacharias Locher und seine verwunschene Welt kennengelernt hat, wird zügig sein Enkel August in die Geschichte eingeführt. Als Zacharias aus unerklärlichen Gründen verschwindet, wird der Leser intensiv mit August konfrontiert. Es ist schwer, sich mit August Locher zu identifizieren, auch wenn ihn im Laufe der Handlung immer mehr schlimme Dinge passieren, sodass er einem zunehmend mehr leidtut. Doch leider spitzt Florian Weber diese Vorkommnisse so stark zu, dass es irgendwann weder lustig, ergreifend und erschreckend für den Leser ist, sondern es derart unglaubwürdig und unrealistisch wird, dass man nur noch mehr hofft, dass es August endlich gelingt, das Geheimnis um seinen Großvater zu lösen. Dass die einzelnen Kapitel dabei an bekannte Geschichten erinnern, ist nur eine kleine Aufheiterung.
Die beiden letzten Kapitel führen schließlich noch Joseph Schmidt ein, über dessen Erlebnisse in Bayern es Florian Weber gekonnt gelingt, die Geschichten, Zeitverschiebungen und Personen klug zusammenzuführen und zu einem passenden Ende zu vereinen. Diese Kapitel ergänzen das Pottpüree an vielfältigsten Charakteren, Geschehnissen und Empfindungen. Indem etwas realitätsnahere Handlungsstränge eingebunden werden, verliert die Geschichte etwas ihr Märchenhaftes und es gelingt, zu einem versöhnlichen Abschluss zu kommen, der jedoch leider kein märchenhaftes Ende darstellt. Dagegen ist die Aufmachung des Buches jedoch schon so gestaltet, dass sie an Märchen und Kurzgeschichten erinnert. So finden sich im Roman einige, liebevolle zur Handlung passende Bleistiftzeichnungen und auch alle Kapitel werden mit einem passenden Symbol eingeleitet.

Fazit

Florian Webers „Grimms Erben“ besticht durch seine Literaturkenntnisse, die liebevolle Aufmachung und die spannende Geschichte, die von verschiedensten Personen erzählt, dabei jedoch nie den roten Faden verliert und diese am Ende gekonnt zusammenführt. Diese Liebeserklärung an das Märchenschreiben lässt den Leser in eine etwas andere, verwunschene Welt abtauchen.

4 von 5 Punkten


Wir danken Aufbau für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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