Sonntag, 24. April 2016

Rezension: Graues Land. Am Ende der Welt (Michael Dissieux)

Luzifer Verlag
Taschenbuch, 270 Seiten
ISBN: 978-3-95835-000-7
12,99 €

eBook, 4,99 €
ISBN: 978-3-95835-002-1


Ein kurzer Einblick

7 Jahre nach Mayfield ist die Erde zu einem Friedhof mutiert. Nur wenige Menschen kämfen um das Überleben, ihren Verstand und die Infizierten an. Das Leben ist mit jedem Tag ein weiterer Tag ohne Hoffnung und Frieden. Erlösung aus der Hölle gibt es nur mit dem Tod. Doch Daryll ist ein Überlebenskämpfer. Er klammert sich an eine bessere Zukunft. Auf der Reise durch das verheerte Land, begegnet er alten Freunden und neuen Bekanntschaften.

Bewertung

Um »Am Ende der Welt«, den abschließenden Band der »Graues Land«-Trilogie, gerecht zu bewerten, muss zunächst ein Zeitsprung zurück erfolgen.
Triefend und schwer, düster und grausend erwachten die Gräuel im ersten Band. Hilflos musste Harvey dem Untergang der bekannten Welt mit ansehen. Der Roman lebte förmlich von den Erinnerung des alten Mannes, der zutiefst bedrückenden Stimmung und dem psychedelischen Unterton. Angst und Gefahr waren allgegenwärtig. Der Horror versteckte sich in den Schatten, huschende Schemen überbrachten den Schrecken.
Im Folgeroman »Die Schreie der Toten« weicht Michael Dissieux vom vorigen Schema ab. Der Handlungsort tritt nicht mehr auf der Schwelle und nimmt damit viel der charakteristischen Ruhe, die den ersten Teil ausgezeichnet hat. Die Änderungen waren willkommen, führten sie doch Abwechslung ein, ohne sich neu zu erfinden. Die Grundstimmung hingegen ist geblieben. Allein die Versatzstücke, die zumeist in der ein oder anderen ähnlichen Form in Dystopien und Endzeitszenarien zu finden sind, schmälerten das Leseerlebnis.

»Am Ende der Welt« spielt 7 Jahre später. Daryll ist ein junger Mann. Die Welt zeichnete ihn und seine Seele mit Schrecken und Hoffnung. Mayfield existiert nicht mehr. Die menschliche Enklave entpuppte sich als Festmahl der blutrünstigen Wesen. Und so zieht der ehemalige Zeitungsjunge von Ort zu Ort, von Küste zu Küste, immer auf der Suche nach Nahrung, Sicherheit und einem inexistenten Zukunftsglauben. 7 Jahre sind eine lange Zeit. Auch das Land veränderte sich. Die einstigen Monster sind vergangen und machten ihren Opfern platz: Zombies, Infizierte, nach Fleisch gierenden Kreaturen. Sie sind langsam, oft teilnahmlos und nur in der Masse gefährlich. Wenige von ihnen haben sich eine Schnelligkeit bewahrt, die Überlebenden bedrohlich werden kann. Die Erde ist zu einem Friedhof mutiert, auf der kaum noch Menschen leben. Der frühere Schrecken ist erloschen, das Überleben gegen Nahrungsmangel und die Mitmenschen ist der wahre Kampf. Trostlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und der Überlebenswille regieren.
Michael Dissieux nimmt die Stärke des ersten und die Abwechslung des zweiten Romans - und scheitert. Die Welt bewegte sich weiter. Die Stärke, bestehend aus der beklemmenden Atmosphäre und der allgegenwärtigen Gefahr, verliert sich, wenn die Bedrohung zum geringeren Übel wird. Stattdessen verlagert sich die Spannung auf das zwischenmenschliche Miteinander. Daryll schildert seine Erlebnisse zwar in ruhigen, deprimierenden Bildern, die direkt an das Mitgefühl des Lesers appellieren, aber die nachfolgende, die daraus resultierende Grundstimmung baut sich nicht auf. Das Leben geht weiter, der Kampf um Nahrung und Mitmenschen rückt in den Vordergrund.
Freund oder Feind - und dazwischen? Da gibt es nichts. Wirkt nicht überzeugend und liest sich noch weniger spannend. Entweder nehmen Menschen Daryll freundlich auf oder sie halten ihm eine Waffe vor die Nase. Gerade das Dazwischen, die Grautöne, das Undefinierbare zeichnete »Graues Land« bisher aus. Der Versuch der Fortentwicklung ohne die Story neuerlich anders anzugehen, endete nur ihm Gewöhnlichen. Sehr schade, denn in den Grundzügen bleibt sich die Reihe treu, verliert sich nur in zu einfachen Schablonen.
Erst gegen Ende greift Dissieux erneut auf die Qualität des ersten Teils zu. Mike ist ein Junge dieser Welt. Aufgewachsen in den Ruinen der menschlichen Hinterlassenschaft, hat er sich an die Welt angepasst. Flinkheit lässt ihn fast lautlos durch die Wälder huschen. Sein Charakter ist schwer zu beurteilen, versteht er zwar Daryll, doch vermag er, bis auf wenige Worte, selbst nicht zu sprechen. Das verleiht ihm etwas mysteriöses und eine Grundbeständigkeit, die für Überraschungen sorgen kann. Er mag schmächtig sein, er mag auf Darylls Kenntnis der alten Welt angewiesen sein, aber das Überleben, die nötige Unbarmherzigkeit und Treue gegenüber Freunden, kann nur ihm zu eigen sein.

Fazit

»Am Ende der Welt« bewahrt sich die Grundstimmung aus Beklemmung und allgegenwärtiger bedrückender Düsternis, vermag diese aber nicht mehr wie eine Decke über die Erde auszubreiten. Der Schrecken ist gewichen, das Überleben ist in den Fokus gerückt. Leider jedoch sind gerade die Mitmenschen zu schablonenhaft gezeichnet. Der abschließende Teil der »Graue Welt«-Trilogie ist auch der schlechteste.

3 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen