Freitag, 8. April 2016

Rezension: Die Murdstone-Trilogie (Mal Peet)

Piper
Kartoniert, 320 Seiten
ISBN: 978-3-492-28069-3
12,99 €

eBook, 9,99 €
ISBN: 978-3-492-97160-7


Ein kurzer Einblick

Philip Murdstone hasst Fantasy. Als ihm seine Literaturagentin empfiehlt gleich eine Fantasy-Trilogie zu schreiben, vernebelt er seinen Verstand mit Alkohol. Ja, Philip hat Geldprobleme, aber Fantasy schreiben? Im Suff begegnet er dem Kobold Pocket, der ihm einen Fantasyroman halluziniert. Es soll ein weltweiter Bestseller werden. Als Pocket ihm erneut erscheint und ihn an den Deal erinnert, kann Philip sich nicht mehr daran erinnern.

Bewertung

Philip Murdstone ist ein introvertierter Autor, der zurückgezogen auf einem Cottage lebt. Sein Genre hat er praktisch erfunden: Jugendromane über ausgegrenzte Teenager mit Behinderung. Auszeichnungen hat er für die soziale Kritik bekommen. Das lesende Publikum interessiert das nicht. Das Genre lässt sich nicht verkaufen. Seine Literaturagentin schlägt ihm vor Fantasy zu schreiben und liefert ihm auch gleich den passenden Leitfaden, das Backrezept. Auf eben diesem beruht übrigens »Murdstone« selbst, denn irgendwie ist der Roman der Roman in sich selbst. Philip solle am besten eine Trilogie verfassen. Jene Trilogie entspricht den drei großen Abschnitten »Murdstones«. Herrlich selbstironisch präsentiert Mal Peet einen Fantasyroman der Klischees. Ein ironischer Unterton drängelt sich zwischen die Zeilen, der niemals verschwindet. »Murdstone« vermischt die irdische Welt mit Philips Fantasygeschichte. Es ist schwer auszumachen, wo die Wirklichkeit endet und die Realität beginnt.

Der Roman / die Trilogie ist vollgestopft mit Klischees. Steinkreise und lokale Kuriosa, Märchen und Aberglaube werden aufgetischt. Der heimische Pub serviert merkwürdig kombinierte Spezialitäten aus aller Welt - klingt meist eklig! Philip bleibt lieber bei den üblichen Mahlzeiten. Natürlich sind da auch noch die Dorfbewohner, die ... nun, durchgeknallt und eigenwillig sind. Der Kobold Pocket würde herrlich dazwischen passen, würde er nicht aus einer anderen Welt kommen. Arrogant und ein wenig bösartig ist Pocket Philips Vision zu Ruhm und Geld. Seine Literaturagentin ist höchst begeistert über den abgelieferten Roman. Es wird ein Weltbestseller, eine millionenschwere Verfilmung ist in Planung, Mönche verehren den Roman als Botschaft des Glaubens und die Welt wartet gespannt auf die Fortsetzung. Spannend ist »Murdstone« allemal. Die Handlung schreitet locker und zügig voran, nimmt sich Zeit, wenn diese benötigt wird und treibt so manches Fantasy-Klischee auf die Spitze. Nebenbei bekommt der Literaturbetrieb ebenfalls sein Fett weg. Die ewige Suche nach dem nächsten Großen Trend. Wir erinnern uns wie die Büchertische in den Buchhandlungen aussehen, wenn eine Trendwelle wie die Vampire oder High Fantasy die Verlage überrollt.

Bei all dem Trara und Begeisterungsjubel erfährt niemand, dass Philip Fantasy abgrundtief hasst. Selbst Tolkiens Hobbit getraut er sich nicht mit spitzen Fingern anzufassen. Die Figuren mögen auf den ersten Blick mit altbekannten Rollen versehen sein, doch ist nicht auch das nur ein Klischee? Auf den zweiten Blick offenbart sich ein sorgfältig ausgearbeitetes Charakterkonzept, dass dem konstant hohen Spannungsbogen ein festes Fundament verleiht. Abgabetermine und Schreibblockaden lassen nicht nur Philip leiden, sondern auch den Leser verzweifeln. Der wirkliche Held aber ist die Story.

Fazit

»Murdstone« ist eine Klischeeparodie, die sich bewusst und überglücklich den Titel auf den Buchdeckel schreibt. Die Parodie wird dabei nicht zum Selbstzweck, um Lustig zu sein, sondern wird getragen von einer spannenden Story und charaktertypischen, aber doch schrullig eigensinnigen Charakteren. Wo auch sonst soll ein Autor eine visionäre Geschichte erhalten, wenn nicht in einem mystischen Steinkreis?

5 von 5 Punkten

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