Mittwoch, 20. April 2016

Rezension: Alles Licht, das wir nicht sehen (Anthony Doerr)

C.H. Beck
Gebundene Ausgabe, 519 Seiten   
ISBN: 978-3-406-68063-2
19,95 €

Ein kurzer Einblick

Paris und Zollverein im Jahr 1934: die erblindete sechsjährige Marie-Laure liebt es mit ihrem Vater zur Arbeit ins Muséum National d’Histoire Naturelle zu gehen und all die Schätze des Museums zu erkunden, während er sich um all die Schlüssel des Gebäudes kümmert. Derweil lebt der siebenjährige Waisenjunge Werner mit seiner Schwester Jutta in einem Waisenhaus in Essen, nachdem ihr Vater bei der Arbeit im Bergwerk umgekommen ist. In Werner zeigt sich bereits früh eine außerordentliche Begabung für Technik, so dass er schließlich an einer Napola ausgebildet und gefördert wird, aber auch den Terror der Nationalsozialisten früh kennen lernt. Während des Krieges muss Marie-Laure schließlich mit ihrem Vater nach Saint-Malo zu ihrem etwas eigenen Großonkel Etienne flüchten, mit im Gepäck den wertvollsten Edelstein des Museums. Auch Werner, mittlerweile im Fronteinsatz, wird 1944 nach Saint-Malo beordert, so dass sich ihre Lebenswege kreuzen, gerade als die Alliierten zur Rückeroberung der Stadt ansetzen…

Bewertung

Ich bin nur zufällig auf dieses Buch aufmerksam geworden, dessen eindrucksvolles Cover von der Stadt am Meer mich sofort angesprochen hat. Es erwies sich dann als absoluter Glücksgriff, da Doerr ein wirklich berührender und sprachgewaltiger Roman gelungen ist. Er setzt direkt im August 1944 mit der Bombardierung Saint-Malos durch die Alliierten ein, um dann in meist abwechselnden Kapiteln Marie-Laures und Werners Geschichte ab dem Jahr 1934 zu behandeln, die immer wieder durch die Ereignisse des Jahres 1944 unterbrochen werden. Dabei erleben wir die Handlung beinahe komplett aus der Sicht der beiden Hauptfiguren, später gesellt sich noch Reinhold von Rumpel dazu, der für Hitler nach Edelsteinen sucht und Marie-Laure und ihren Vater bis nach Saint-Malo folgt. Nach dem Ende des Krieges folgen noch ein Zeitsprung ins Jahr 1974 und schließlich noch einer ins Jahr 2014, so dass man auch erfährt, was aus den Figuren geworden ist, die den Krieg überlebt haben.
Was mich einerseits wirklich an diesem Buch beeindruckt hat, ist die schiere Fülle an Themen, die Doerr in seinen Roman hat einfließen lassen, die auch seine enorm sorgfältige Recherche vor dem Abfassen seines Werkes eindrucksvoll belegen. Durch Werners Geschichte erfährt man viel über Radios, Sendetechnik und seine Arbeit in einer Einheit der Wehrmacht, die Feindsender von Widerstandskämpfern zu finden versucht. In der Handlung um Marie-Laure lernt man Unmengen über Naturkunde, Edelsteine und den systematischen Raub vieler Kostbarkeiten aus den eroberten Ländern durch die Nationalsozialisten, aber auch über Schlossmechanismen durch die Arbeit ihres Vaters und den verborgenen Widerstand in Frankreich, den Marie-Laure und die Haushälterin ihres Onkels und später auch ihr Onkel selbst unterstützen, indem sie etwa Daten mit einem auf ihrem Dachboden versteckten Sender weitergeben. Auch für mich, die sich seit ihrer Kindheit stetig mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, bot das Buch somit noch zahlreiche neue Aspekte, die zudem immer spannend und verständlich geschildert werden und gelungen in die Geschichte eingebettet sind. Gewisse Vorkenntnisse zu der damaligen Zeit setzt der Roman schon voraus, ansonsten ist er aber wirklich gut verständlich geschrieben. Im englischen Original, das ich gelesen habe, werden passenderweise deutsche feststehende Begriffe auch nicht ins Englische übersetzt, was ich immer sehr begrüße.
Andererseits berührt dieser Roman so sehr, da Doerr neben der spannenden Verwendung vieler historischer Fakten und Entwicklungen enorm ergreifende Figuren geschaffen hat, mit denen man direkt warm wird und mit denen man von der ersten Seite an ununterbrochen mitfiebert. Diese wurden durchweg sehr tiefgehend gezeichnet, sie wirken nicht wie fiktive Charaktere in einem Buch, sondern wie echte Menschen. Vor allem Werners Entwicklung zu einem Mitläufer hat Doerr beeindruckend herausgearbeitet, der durchaus ein Gewissen hat und vielen Aspekten der nationalsozialistischen Erziehung kritisch gegenübersteht und schließlich von vielem schockiert ist, aber trotzdem nicht ausbricht, sondern sich einfügt und seine Befehle befolgt, wie unzählige andere Menschen damals auch. Ebenso ist er ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie der Krieg eine ganze Generation mit so viel Potential, die ihr Leben noch vor sich hatte, vernichtet hat („was du alles sein könntest“). Mit Marie-Laure fiebert man beinahe noch mehr mit, die allein durch ihre Blindheit bereits so etwas Verlorenes und Zerbrechliches an sich hat, dass ihr Schicksal mich nicht kalt lassen konnte. Gleichzeitig verspürt ihre Geschichte aber auch Hoffnung in dieser hoffnungslosen Welt, verkörpert durch ihren starken Willen, den sie ihrem sich aufopfernden Vater zu verdanken hat, der schließlich verhaftet wird, so dass Marie-Laures Onkel Etienne seine Rolle übernehmen muss, der jedoch durch seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg so mitgenommen ist, nun durch Marie-Laure aber regelrecht aufblüht. Doerr hat somit so viele liebenswürdige Charaktere geschaffen, von denen das Buch einfach lebt. Es muss zwar erst ein wenig in Fahrt kommen, entwickelt sich dann aber nach etwa 50 Seiten zum richtigen Pageturner. Einzig die verschiedenen Verbindungen, die zwischen Werners und Marie-Laures Geschichte entwickelt werden, waren für mich etwas unglaubhaft und zu zufällig, wirkten einfach konstruiert, ansonsten kann ich aber rein gar nichts an diesem Werk kritisieren.
Hervorheben muss ich aber noch seine wortgewaltige, sehr bildhafte und insgesamt schlichtweg wunderschöne Sprache, die diesen Roman zu einem rundum gelungenen Gesamtwerk macht, für das Anthony Doerr zu Recht den Pulitzerpreis bekommen hat. Sie weist auch immer wieder märchenhafte Elemente auf, insbesondere wenn von dem Edelstein, um den sich viele Sagen ranken, die Rede ist, außerdem werden die Themen „Licht“ und „Schlüssel“ durchgehend immer wieder passend und metaphorisch in den Text eingebaut.

Fazit

Bisher definitiv mein Lesehighlight des Jahres! Der hier zur Verfügung stehende Platz reicht gar nicht aus, um all die tollen Aspekte des Buches angemessen hervorzuheben. Der Roman überzeugt sowohl auf sprachlicher, wie auch auf inhaltlicher Ebene komplett, einzig das zu konstruierte Ende war für mich ein kleiner Minuspunkt. Ansonsten ist Doerr aber wirklich ein beeindruckendes Werk gelungen, das neben seinen tiefgehend gezeichneten Hauptfiguren und ihrer rührenden Geschichte auch eine sehr gut recherchierte und angemessene Darstellung der historischen Begebenheiten zu bieten hat.

4,5 von 5 Punkten

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