Montag, 11. April 2016

Filmkritik: Abbitte


Zu Ian McEwans berührendem Roman „Abbitte“ erschien im Jahr 2007 die gleichnamige Verfilmung durch den Regisseur Joe Wright. Die Hauptrollen wurden von Keira Knightley (Cecilia), James McAvoy (Robbie), Saoirse Ronan (13jährige Briony) und Romola Garai (18jährige Briony) verkörpert. Der Film setzt wie die Romanvorlage in England im Sommer des Jahres 1935 ein und erzählt von einem schwülen Tag auf dem Landsitz der Familie Tallis, der das Leben aller Beteiligten für immer verändern soll. Die 13jährige Briony beobachtet eine seltsame Szene zwischen ihrer älteren Schwester Cecilia und Robbie Turner, dessen Mutter für die Familie arbeitet. Beide sind gerade von ihrem Studium in Cambridge nach Hause zurückgekehrt. Als Briony später einen Brief von Robbie an Cecilia überbringen soll, den sie heimlich öffnet, und bald danach beobachtet, wie Robbie Cecilia vermeintlich in der Bibliothek bedrängt, geht mit ihr die Phantasie durch. Für ein Verbrechen, das am Abend auf dem Grundstück der Familie passiert, macht sie Robbie verantwortlich, wodurch sie nicht nur ihr eigenes, sondern auch Robbies und Cecilias Leben für immer verändert…

Ich hatte den Film bereits vor einigen Jahren schon einmal gesehen, doch dieser war so bedrückend und traurig, dass ich ihn mir seitdem nicht mehr angesehen habe. Vor ein paar Monaten kam ich aber endlich einmal dazu, die Buchvorlage zu lesen. Diese berührte mich dann noch einmal mehr als die Verfilmung und ich bekam Lust, auch den Film noch einmal anzugucken. Dieser orientiert sich generell sehr stark an seiner Romanvorlage, auch die Erzählstruktur des ersten Teils, der an dem einen entscheidenden Tag im Sommer 1935 spielt, wurde beibehalten, so dass man die wichtigen Szenen nacheinander sowohl aus Brionys, als auch aus Cecilias und Robbies Sicht erlebt. Auch ansonsten ist der erste Abschnitt des Films beinahe wie im Buch, einzelne Dialoge wurden fast wortwörtlich übernommen und fast alle Ereignisse sehr buchgetreu dargestellt. Dies ändert sich ein wenig mit dem Zeitsprung, den die Verfilmung (wie auch der Roman) erfährt und die Handlung während des Zweiten Weltkriegs weitergeführt wird, als Robbie in Frankreich kämpft und Cecilia und Briony in London als Krankenschwestern arbeiten. Zwar kommen alle wichtigen Szenen des Buches auch im Film vor und die Dialoge gleichen wieder denen im Roman, doch da sich im Buch vieles in Brionys Kopf abspielt und viel durch Gedanken ausgedrückt wird, war einiges schwer zu verfilmen. Man musste sich Rückblenden und anderer Hilfsmittel bedienen, so erfährt Briony etwa im Kino durch die Wochenschau von der Hochzeit ihrer Cousine Lola und Paul, die auch in die Geschehnisse dieses einen tragischen Tages involviert waren. Die größte Änderung im Vergleich zur Buchvorlage stellt aber das Ende dar, das nach einem erneuten Zeitsprung im Jahr 1999 spielt. Briony gibt vor ihrem Tod noch ein Fernsehinterview zu ihrem letzten Roman, im Buch feiert sie im Kreise ihrer Familie ihren Geburtstag. Das im Film gewählte Ende empfand ich dabei als wesentlich passender, es wirkt wesentlich angemessener, dass Briony nach ihrer Tat kurz vor ihrem Tod noch versucht, Abbitte zu leisten, anstatt von ihrer Familie gefeiert zu werden.
Die Verfilmung orientiert sich somit sehr an ihrer Buchvorlage, schafft es aber glücklicherweise trotzdem, viele eigene Akzente zu setzen und nicht nur als Nacherzählung zu dienen. Dies liegt einerseits an der Filmmusik, die sehr passend gewählt wurde, um die Dramatik der Geschichte und von Brionys Lüge noch zu unterstreichen. Besonders gelungen fand ich die häufig genutzten Klänge des Tippens auf einer Schreibmaschine, die in der Geschichte einige Bedeutung hat. Andererseits überzeugten mich die gewählten Kulissen, sei es der Strand, an dem die Evakuierung von Dünkirchen nachgestellt wurde, das Landhaus der Familie Tallis, das Krankenhaus, in dem Briony später arbeitet, oder das Cottage am Meer, in dem Cecilia und Robbie später leben wollen. Alle Kulissen waren passend gewählt und halfen sich in die Welt der gehobenen Schicht in England und auch in die Schrecken des Krieges hineinzufühlen. Dies wurde zusätzlich enorm durch die durchweg überzeugenden Schauspieler verstärkt, die den Film erst zu dem berührenden und erschütternden Meisterwerk machen, das er ist. Insbesondere James McAvoy und Saoirse Ronan überzeugten in ihren Rollen am meisten. Durch McAvoys sympathische und mitreißende Verkörperung von Robbie fiebert man bis zum Ende mit den Liebenden mit, selbst die großartig spielende Keira Knightley sieht gegen ihn etwas blass aus, wenn sie auch gerade die gewisse Arroganz der gehobenen Gesellschaft herausragend in ihrer Version von Cecilia verkörpert. Niemand kommt allerdings an die damals noch junge Saoirse Ronan heran, die mich am meisten überzeugen konnte. Es scheint, als sei die 13jährige Briony tatsächlich aus den Seiten des Romans entstiegen, so sehr nimmt man Ronan ihre Rolle ab.

Fazit

All dies macht „Abbitte“ zu einem wirklich überzeugenden Gesamtkunstwerk, das seiner tollen Romanvorlage in nichts nachsteht. Die Verfilmung arbeitet ihre eigene Version der Geschichte heraus, die der des Buches zwar ähnelt, aber auch für sich allein steht. Durch die wie entfesselt spielenden Hauptdarsteller, allen voran McAvoy und Ronan, ist ein sehr intensiver, berührender und erschütternder Film über die große Liebe, Schuld, Wiedergutmachung und Vergebung vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs entstanden, der mich zumindest lange Zeit nicht losgelassen hat. Ich kann ihn wirklich nur jedem wärmstens empfehlen, doch ihr solltet unbedingt Taschentücher bereit halten…

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