Mittwoch, 24. Februar 2016

Rezension: Die Liebe meines Vaters (Sabine Eichhorst)

Knaur Taschenbuch
Taschenbuch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-426-51665-2
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Loris Schorb kommt 1930 das erste Mal nach Budapest und verliebt sich direkt in die Stadt, ihre Bauten, ihre Menschen und in die ungarische Kultur, aber auch in die selbstbewusste, kluge Eva, die ihn begeistert, wie noch keine Frau zuvor. Über drei Jahre verteilt reist er immer wieder nach Budapest, um Eva nahe zu sein, die jedoch sehr an ihrer Heimat und ihrer Familie hängt. Dann wendet sie sich plötzlich von Loris ab, der sich schweren Herzens ein Leben ohne Eva aufbaut. Er heiratet, bekommt eine Tochter, als kurz darauf der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird er eingezogen, doch er kann Eva nie vergessen…

Bewertung

Der erste Roman der Autorin beruht auf wahren Begebenheiten. Ihr wurden zahlreiche Feldpostbriefe zur Verfügung gestellt, die zum Teil auch abgedruckt wurden, allerdings wurden die Handlung und die Figuren des Buches so weit abgeändert, dass sie mit den realen Begebenheiten nicht mehr viel zu tun haben. Aufgebaut ist der Roman in drei Teile. Der erste behandelt Loris’ Reisen nach Budapest und seine Beziehung zu Eva, worauf ein zeitlicher Sprung von etwa sieben Jahren folgt. Das zweite Hauptkapitel setzt 1939 zu Beginn des Krieges ein und erzählt von Loris’ Zeit als Soldat bis 1945 und seinen Fronturlauben bei seiner Familie, die von zahlreichen Streitigkeiten mit seiner Ehefrau geprägt sind, von denen auch die Feldpostbriefe zeugen, die immer wieder abgedruckt werden. Daraufhin folgt noch einmal ein Sprung von 17 Jahren ins Jahr 1962, in dem wir Loris’ Tochter Maria nach Budapest begleiten.
Das Buch lebt in erster Linie von zwei Sachen. Zum einen ist dies die eindringliche Darstellung der Stadt Budapest, die die Autorin wirklich vor dem geistigen Auge des Lesers auferstehen lässt, so bildhaft gelingt ihre Beschreibung. Selbst wenn man wie ich noch nie dort gewesen ist, hat man schlichtweg das Gefühl, gemeinsam mit Loris durch die Straßen und über die Brücken dieser anscheinend sehr eindrucksvollen Stadt zu wandern. Man bekommt direkt Lust, diese schnell einmal zu besuchen. Dazu kommt, dass die Autorin dem Leser auch die ungarische Kultur und Sprache näher bringt, so spricht Loris etwa mit seinen ungarischen Freunden eine Mischung aus Deutsch und Ungarisch. Die ausführlichen Schilderungen zu den landestypischen Speisen hätten für meinen Geschmack zwar deutlich kürzer ausfallen können, insgesamt bekommt man aber einen spannenden Einblick in die ungarische Kultur und Lebensweise.
Zum anderen wird der Roman von seiner enorm sympathischen, aber auch sehr realistisch gezeichneten Hauptfigur getragen, mit der man sofort warm wird und mit der man bis zum Ende gespannt mitfiebert. Man erlebt die rührende Liebesgeschichte mit Eva dadurch umso intensiver mit, scheint beinahe selbst in den Krieg zu ziehen und all die entsetzlichen Dinge an der Front erleiden zu müssen, um dann zu Hause auf eine unzufriedene Ehefrau zu treffen. Dabei bietet das Buch zwar keine neuen Aspekte zum Zweiten Weltkrieg, falls dies angesichts der Fülle an Literatur überhaupt noch möglich ist, stellt aber insgesamt besonders gut heraus, was der Krieg und die jahrelange Trennung für eine junge, glückliche Ehe und die Kinder von Soldaten bedeuten konnten. Der dritte Teil fällt dann leider im Vergleich zu den sehr guten ersten Hauptkapiteln etwas ab, er wirkte viel zu konstruiert auf mich und konnte mich auch nicht mehr so fesseln, ein runder Abschluss des Romans gelang mit ihm dann aber doch.

Fazit

Das Buch hat mich ehrlich gesagt positiv überrascht. Ich hatte, auch aufgrund des Covers, eine dieser recht simplen, kitschigen Liebesgeschichten erwartet, die ein wenig mit historischen Begebenheiten vermischt werden, um etwas mehr Tiefe zu erreichen. Stattdessen bekam ich eine rührende, fesselnde Handlung geboten, die nur ganz selten etwas ins Kitschige abdriftet, dafür aber mit einer tollen Hauptfigur aufwartet, schockierende Kriegseindrücke schildert und dem Leser obendrein noch Budapest und die ungarische Lebensweise näher bringt. Wirklich ein gelungenes Romandebüt der Autorin!

4 von 5 Punkten


Wir danken der Droemer Knaur Verlagsgruppe für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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