Donnerstag, 28. Januar 2016

Rezension: Die Einkaufsrevolution (Tanja Busse)

Heyne Verlag
eBook
978-3-89480-445-9
7,99 €

Ein kurzer Einblick

Was kann man als Konsument den immer mächtiger werdenden großen multinationalen Konzernen entgegensetzen, die, um möglichst billig zu produzieren, oftmals ethische Grundsätze, menschenwürdige Arbeitsverhältnisse in Billiglohnländern und Umweltschutz mit Füßen treten? Mit dieser Frage beschäftigt sich Tanja Busse in diesem Buch. Es zeigt die zahlreichen Missstände in unserer Weltwirtschaft auf, bietet aber gleichzeitig auch viele hilfreiche Tipps, wie und wo wir verantwortungsvoll konsumieren und so von unserer Macht als Konsumenten Gebrauch machen können.

Bewertung

Tanja Busse deckt in ihrem Werk viele Missstände unserer globalisierten Wirtschaft auf, den Fokus legt sie jedoch auf die Bereiche Kleidung und Lebensmittel. Nach einem kurzen Abriss über die Entwicklung der Konsumkritik erzählt sie uns zunächst von der Textilindustrie, wie etwa unsere Kleidung größtenteils in sogenannten Billiglohnländern hergestellt wird, wo die ArbeiterInnen meist nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn erhalten, der aber sowieso größtenteils so gering ist, dass man davon kaum leben kann, wo sie weiterhin bei ihrer Arbeit zahlreichen Pestiziden ausgesetzt sind und beinahe keinerlei Rechte haben, Gewerkschaftsbeitritte etwa sind verboten. Zudem klärt sie den Leser über den enormen Chemikalieneinsatz bei der Produktion unserer Kleidung auf, deren Auswirkungen auf unsere Gesundheit oftmals nicht einmal bekannt sind und worüber der Konsument so gut wie gar nicht informiert wird. Außerdem sei es nicht gerade einfach, ethisch korrekte Textilien zu kaufen. Etwas Vergleichbares wie das Biosiegel bei den Lebensmitteln sei erst in Arbeit, wobei das Buch 2006 veröffentlicht wurde, da mag sich eventuell etwas getan haben. Was das Thema Lebensmittel angeht, kann Busse dem Konsumenten immerhin ein wenig mehr Hoffnung geben, dass man ethisch korrekt einkaufen kann. Zwar liest man bei dieser Thematik auch viele Hiobsbotschaften, von hochgezüchteten Hochleistungskühen, Kleinbauern bedrohenden, sehr geringen Milchpreisen, der Vorstellung des Tieres als Produkt, Gammelfleischskandalen, der Abholzung des Regenwaldes für den Anbau von Soja, das als Futtermittel für Tiere gebraucht wird, und vielem weiteren Erschütternden (dazu empfehle ich auch Busses neuestes Buch: Die Wegwerfkuh), doch es gibt auch Positives zu berichten, von Unternehmen, die nicht nach den auf dem Weltmarkt geltenden Prinzipien produzieren, dem Anstieg an Bio- und Fairtradeprodukten und der Möglichkeit des Konsumenten, durchaus ethisch korrekt einzukaufen, wenn er etwa regional und saisonal einkauft und eben Bio- und Fairtradeprodukte erwirbt. Doch Busse geht noch weiter, nachdem sie uns über noch andere Missstände aufgeklärt hat wie etwa Kinderarbeit beim Teppichknüpfen oder bei der Herstellung von Pflastersteinen für unsere Städte oder Krieg im Kongo um die Coltanvorkommen, das für unsere Handys gebraucht wird. In den letzten Kapiteln versucht sie dem Konsumenten seine Macht bewusst zu machen, da die meisten sicherlich einige der Missstände mitbekommen, aber auch angesichts der Macht der großen Konzerne ohnmächtig dasitzen und meinen, man könne ja doch nichts ändern. Dies sieht Busse jedoch ganz anders: 
„Das wäre die längst überfällige Einkaufsrevolution: die politische Emanzipation des Konsumenten von der geschmacks- und gefühlsprägenden Macht der Werbung, von Politikverdrossenheit und Globalisierungsangst. Einkaufen als politisches Engagement für weniger Gift und mehr Gerechtigkeit. Die zeitgemäße Antwort auf die Veränderungen der Gesellschaft. (…) Das Verblüffende daran ist, dass diese Haltung – konsequent und kollektiv angewendet – uns Konsumenten eine gigantische Macht über die Märkte eröffnet. Denn politischer Konsum ist eine Glaubenssache: Halten wir Konsumenten uns für machtlos, sind wir es auch. Glauben wir aber, dass unsere Einkäufe politische Entscheidungen sind, ähnlich wie Wahlen oder Volksentscheide, verändern wir die Nachfrage und – schneller als wir glauben – auch das Angebot. Damit könnten wir die Standards setzen, zu denen produziert wird, und zwar in allen Dimensionen: ökologisch, sozial, beim Verbraucherschutz, beim Arbeitsplatzerhalt im eigenen Land und anderswo, bei der weltweiten Gerechtigkeit. Und das Schöne ist: Die Weltverbesserung durch Konsum ist einfach zu haben: Es ist völlig ungefährlich, ein bestimmtes Produkt zu kaufen oder zu boykottieren…“ (S. 240/241)
Im Anhang bekommt man nach Bereichen sortiert noch hilfreiche Tipps, wie man ethisch korrekt konsumieren kann, und noch weiterführende Literaturhinweise, wobei das Buch wie gesagt 2006 erschienen ist und sich somit einiges verändert haben mag.
Mich regte es auf jeden Fall zu einer weiteren Verbesserung meines Kaufverhaltens an. Ich zumindest kann nicht über all diese Missstände lesen und dann weitermachen wie zuvor. Deshalb empfehle ich wirklich jedem ausnahmslos dieses Werk, das zwar beim Verlag nur noch als eBook erhältlich ist, aber auch gebraucht in gedruckter Form erworben werden kann. Wir müssen endlich unseren verschwenderischen Lebensstil hinterfragen und uns klarmachen, wie sehr die Erde und die Menschen in Billiglohnländern, die Tiere, die Umwelt darunter leiden, insbesondere auch noch dafür, damit wir uns mit allerhand Dingen umgeben können, die wir überhaupt nicht brauchen. Wie Busse immer wieder betont, die Zustände, in denen produziert wird und Menschen in der sogenannten Dritten Welt arbeiten müssen, würden wir niemals zulassen, wenn wir sie sehen, wenn sie hier bei uns geschehen würden, also lasst uns alle gemeinsam daran arbeiten, dass diese Missstände abgebaut werden, denn sie geschehen jede Sekunde auf dieser Welt, ob wir sie nun mit unseren eigenen Augen sehen können oder nicht.

Fazit

Für mich jetzt schon mein Buch des Jahres, auch wenn es vielleicht ein wenig veraltet sein mag in ein paar Punkten. Die Missstände, die es aufdeckt, haben in den letzten 10 Jahren aber nicht rapide abgenommen, so dass es nichts an seiner Aktualität verloren hat. Für jeden, der ein wenig gegen die Zustände unserer Weltwirtschaft tun will, ist es sehr zu empfehlen, die zahlreichen Tipps fand ich sehr hilfreich. Man muss allerdings auch bereit sein, seinen Lebensstil ein wenig anzupassen. Es besticht aber auch durch einen sehr abgewogenen und differenzierten Schreibstil, der realistisch auf mögliche Bedenken von uns Konsumenten eingeht, und erwartet keine Wende um 180 Grad. Jeder kann mit diesem Buch seinen eigenen Weg, innerhalb seiner Möglichkeiten, finden, ein wenig ethisch korrekter einzukaufen und den großen Konzernen etwas entgegenzusetzen.

4,5 von 5 Punkten

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